Heft 20, Sommer 2022

Thorsten Fuchshuber / David Hellbrück: Ein Meister der Rackets ist noch kein Gegenhegemon. Gespräch über Russlands Machtgefüge und den Ukraine-Krieg 2022 [PDF]

Thorsten Fuchshuber: Wo China als eines der Länder mit der größten Wirtschaftsleistung unmittelbare Abhängigkeitsverhältnisse durch seine Marktmacht schaffen möchte, um so, wie Gerhard Scheit sagt, »den Weltmarkt von innen her aufzulösen« zu versuchen, will Russland diesen quasi von außen, durch seine Militärmacht torpedieren, um dessen Universalisierungstendenz zu brechen. Die Russische Föderation verfolgt also ebenfalls eine Politik, die immer zugleich auch gegen die Gesetze des Weltmarkts gerichtet ist, und unmittelbare Abhängigkeiten schafft sie über Rohstoffzuwendungen übrigens auch. Trotzdem bleibt Russland zugleich über den Handel mit Rohstoffen sowie anderen Ex- und Importen an diesen Weltmarkt gebunden. Daher würde ich auch nicht von einer Simulation gesellschaftlicher Dynamik auf kapitaler Grundlage sprechen, sondern diese Dynamik besteht tatsächlich, auch wenn es, wie du richtig sagst, selbstverständlich deutliche Autarkiebestrebungen gibt. Es gib daher durchaus Kräfte innerhalb des russischen Systems, denen die derzeitige Sanktionspolitik von EU und USA entgegenkommt. Sergej Glasjew etwa, der Berater Putins während der Krimannexion und seit dem vergangenen Jahr Kommissar für Integration und Makroökonomie bei der Eurasischen Wirtschaftskommission, dem Exekutivorgan der Eurasischen Wirtschaftsunion, wittert bezüglich seiner Vorstellungen von ›Selbstversorgung‹ Morgenluft. Bereits 2014 hatte er hierzu zahlreiche Vorschläge gemacht, wie etwa das Einfrieren ausländischer Guthaben, die Beschränkung von Devisentransaktionen und die staatlich erzwungene Importsubstitution durch russische Produkte. Auch jüngst hat er in einem Artikel gefordert, »die nationale Souveränität in der Wirtschaft zu stärken« und freut sich beispielweise über die Kapitalrückführung nach Russland aufgrund der Sanktionen gegen zahlreiche Oligarchen. Das erinnert schon auch ein wenig an die Beobachtungen Alfred Sohn-Rethels zur Forderung nach Autarkie in der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik, auch wenn sich das nicht einfach übertragen lässt. Sohn-Rethels Unterscheidung von einerseits ökonomisch intakten Teilen der Wirtschaft, die stark genug waren, »den Konkurrenzkampf in der Welt mit wirtschaftlichen Mitteln zu bestehen« und die folglich weder für Autarkieforderungen noch »für die Methoden des Krieges und der gewaltsamen Eroberung« zu begeistern gewesen seien, und andererseits ökonomisch paralysierten Teilen der Wirtschaft, die »politische Bewegungsfreiheit« besaßen, lässt sich auf Russland heute so ›anwenden‹, dass es erstere dort quasi nicht gibt, während letztere eben in den völlig mit dem Staat und seinen Apparaten verschmolzenen russischen Konzernen bestehen. Aber zentral ist, denke ich, der von Gerhard Scheit angesprochene Aspekt der gegen den Weltmarkt gerichteten Politik – das ist es, was China und Russland meinen, wenn sie einander »Förderung der globalen Multipolarität und der Demokratisierung der internationalen Beziehungen« versprechen.

Alex Traiman: Wird sich Israel auf der falschen Seite einer sich ändernden Weltordnung wiederfinden?

Angesichts der Kämpfe in der Ukraine sieht sich Israel wie gespalten zwischen der Unterstützung der ukrainischen Souveränität und dem Wunsch, die neue kriegerische Weltmacht in Gestalt von Russland nicht zu verärgern. Soll der jüdische Staat eine verblassende Weltordnung unter der Führung der USA und der westeuropäischen Mächte unterstützen oder die sich abzeichnende Ordnung, in der eine von China und Russland angeführte Achse nun versucht, die internationalen Beziehungen zu dominieren? Muss sich Israel entscheiden?

Für Israel steht viel auf dem Spiel. »Die Weltordnung, wie wir sie kennen, verändert sich«, sagte der israelische Premierminister Naftali Bennett am 25. Februar bei einer Abschlussfeier für IDF-Offiziere. »Die Welt ist viel instabiler geworden, und auch unsere Region verändert sich jeden Tag. Es sind schwierige, tragische Zeiten. Unsere Herzen sind bei den Zivilisten in der Ostukraine, die in dieser Situation gefangen sind«, fügte er hinzu. Bennetts Erklärung war sorgfältig formuliert.

Ksenia Svetlova: Russlands nächstes Ziel der Einschüchterung könnte Israel sein

Während Russland ukrainische Städte bombardiert und seine Atomwaffen zur Schau stellt, besteht kaum ein Zweifel daran, dass die Auswirkungen des Krieges zwischen Russland und dem Westen weltweit zu spüren sein werden – und es ist unwahrscheinlich, dass die Beziehungen zwischen den Staaten, die noch vor zwei Wochen vorherrschten, dadurch nicht verändert werden. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag könnte mögliche Kriegsverbrechen der russischen Führung untersuchen, während die westlichen Regierungen weiterhin beispiellose Wirtschaftssanktionen verhängen. Infolgedessen wird sich Russland nach alternativen Märkten und Einflusssphären umsehen, insbesondere im Nahen Osten und in Afrika, wo es sich schon in den letzten zehn Jahren stark engagiert hat. Während Moskau den militärischen und wirtschaftlichen Druck auf die Ukraine erhöht und dabei verbotene Waffentypen und unterschiedslose Feuerkraft gegen die Zivilbevölkerung einsetzt, befürchten viele in Israel, dass Moskaus nächster Schritt im Nahen Osten erfolgen wird – wo Moskau formell mit Israels schlimmsten Feinden verbündet ist.

Caroline Glick: The ayatollahs’ men in Washington

Eine realitätsnahe israelische Politik würde sich darauf konzentrieren, mit Israels Verbündeten zusammenzuarbeiten, die die iranische Bedrohung so sehen, wie Israel sie sieht, und nicht mit einer US-Regierung, die Israel als Bedrohung für ihr Ziel ansieht, Amerikas Politik weg von Israel und den sunnitischen Arabern und hin zum Iran und seinen terroristischen Stellvertretern auszurichten. Solange die israelische Führung Joe Bidens Unterstützung für das iranische Regime verleugnet, untergräbt sie Israels Ansehen in den Augen seiner Verbündeten und schwächt damit die israelische Fähigkeit, entweder allein oder gemeinsam mit diesen Verbündeten zu handeln, um den iranischen Weg zur Atombombe zu blockieren.

Gerhard Scheit: »Hier üben wir die Hegemonie / Hier sind wir unzerstückelt«. Eine Anmerkung zur deutschen Ideologie in der kommenden Inflation [PDF]

Durch das Retirieren auf Innenpolitik und Anti-EU-Propaganda wird immerhin Israel weitgehend aus der Schusslinie genommen, ja sogar als Identifikationsobjekt ausersehen, wenngleich die Rhetorik eines antisemitischen Charakters nicht gänzlich entbehren muss. Ganz anders stellt sich die Situation von den erdölexportierenden Ländern aus dar, denn deren Sonderstellung auf dem fortbestehenden Weltmarkt ermöglicht eine Art Surrogat für Autarkiepolitik, auf die allein schon das Zinsverbot im Islam ausgerichtet ist, und dieses Surrogat zeigt seine verheerende Wirkung in dem davon finanzierten Djihad im ›Haus des Krieges‹. Denn das ›Haus des Islam‹ ist der geschlossene Handelsstaat unter den Bedingungen des fortbestehenden Weltmarkts, Islamic Banking die zeitgemäße Form der »Brechung der Zinsknechtschaft« und Antizionismus die Speerspitze des Antisemitismus.

Soweit aber die Deutschen – und hier namentlich weniger die rechten Nachfolgerackets des Nationalsozialismus als deren linke Gegner, ihres Zeichens Kritiker der Islamophobie – außenpolitisch agieren und diese Außenpolitik auch im Inneren durchsetzen, bereiten sie dem Djihad den Boden durch konsequentes Appeasement, wenn nicht Kollaboration– mit nicht geringer, wenn auch wechselnder Ausstrahlungskraft auf die Außenpolitik der USA. In gewisser Weise kehrt damit die deutsche Ideologie zu dem Ausgangspunkt zurück, an dem Marx und Engels sie einst durchschauten. Um darzulegen, »welche borniert-nationale Anschauungsweise dem vorgeblichen Universalismus und Kosmopolitismus der Deutschen zugrunde« liege, zitierten sie aus Heinrich Heines Wintermärchen die Zeilen: »Franzosen und Russen gehört das Land, / Das Meer gehört den Briten, / Wir aber besitzen im Luftreich des Traums / Die Herrschaft unbestritten. / Hier üben wir die Hegemonie / Hier sind wir unzerstückelt«.

Till Gathmann: Metropolitane Motive. Mit einer kleinen Diskussion über die großen Fragen

Werbung. Die Metropole teilt die Zugewanderten in Expats und Migranten. Die meisten Expats, die in der Regel die Theorie mitbringen, kommen aus Großstädten der westlichen Hemisphäre, deren Anteil schwarzer Bevölkerung deutlich höher als etwa in der deutschen Hauptstadt ist – in Europa ein Resultat des Kolonialismus, in den USA eines der Sklaverei. Die verschwindend geringe jüdische Bevölkerung in Zentral- und Osteuropa, die den Mord überlebte, hat symbolische Bedeutung. Auch in der Erinnerungslandschaft ist sie ein städtisches Phänomen. Mit dem Wirtschaftswunder kam die Arbeitsmigration. Sie sollte fortsetzen, was das System der Zwangsarbeit ermöglichte: die anderweitig beschäftigten Deutschen in der Produktion zu unterstützen. Das postkoloniale Milieu belächelt die heutigen Deutschen. Sie erscheinen ihnen als zivilisatorisch zurückgeblieben, obgleich sie wissen, dass ihre eigene Weltgewandtheit auf der des Kolonialismus und des Sklavenhandels aufruht. Sie haben recht. Weltgewandtheit wird simuliert. Kaum ein Werbeclip kommt in Deutschland heute ohne die Ausstellung von Diversität aus, während die gesellschaftliche Oberfläche sich nach dem Vorbild der Werbung verwandeln soll. Vielleicht hilft es ja. Niemand braucht dabei die Juden: sie sind eine Erinnerungspflichtübung, sie fallen aber nicht ins Gewicht. Ihre Kaufkraft ist irrelevant, Identifikation mit ihnen unheimlich. Geflüchtete Schwarze bleiben in Deutschland Gegenstand der Anthropologie, sie sind keine Figur der Erinnerung. Sie erscheinen dem Blick des Alltags als Verstreute, Nomaden. Kulturell Interessierte mögen in ihnen die geheimnisvolle Kraft suchen, mit der sie vermochten Wüste und Meer zu überqueren. Wie in der Vergangenheit erscheint ihr Potential nur rohstoffgleich. Werbung macht man mit BIPoCs, mit auf diese Weise ausgezeichneten Nichtweißen, die, weil sie Mehrwert versprechen, in Subjekte der politischen Ökonomie verwandelt wurden.

Gerhard Scheit: Was ist Wahrheit? Und was Gegenidentifikation? Aufforderung, Manfred Dahlmann zu lesen

Statt nach Wahrheit zu suchen, die positiv nicht unmittelbar zutage treten kann, und deutlich zu machen, warum, erhält aufs Neue die sinnliche Gewissheit Vorrang: Es gäbe einerseits historische Tatsachen und andererseits Narrative; bei den Tatsachen fragt sich niemand, auf welcher Grundlage sie als Tatsachen überhaupt wahrgenommen werden können und als geltend betrachtet werden; bei den Narrativen wird als erwiesen betrachtet, dass die Tatsachen bloße Versatzstücke des Erzählens sind – und indem es als Erzählen bezeichnet wird und nicht als Ideologie, erspart man sich auch darüber, was überhaupt erzählt werden kann, weiter nachzudenken. In der Gewissheit, die Tatsachen auf ihrer Seite zu haben, behandeln dann die einen den Holocaust oder den jüdischen Monotheismus als Narrativ Israels, die anderen die postkoloniale Theorie und den Antirassismus als Narrativ der Antisemiten beziehungsweise Antizionisten. Letzteres macht allerdings einen Unterschied ums Ganze – nur kann eben diesen Unterschied nicht begreifen, wer verleugnet, dass »zwischen Antisemitismus und Totalität von Anbeginn der innigste Zusammenhang« bestehe, wie es in der Dialektik der Aufklärung heißt. Gerade von Totalität, das heißt vom Kapitalverhältnis, will man ja im Namen der Tatsachen und der Narrative, der News und der Fake News keinen Begriff mehr haben.

Jonathan S. Tobin: Die Intersektionalität Bischof Tutus

Warum hatte Tutu einen solch blinden Fleck, wenn es um Israel und Juden ging? Er mag sich selbst nicht als Antisemit gesehen haben. Aber als jemand, dessen ganzes Leben von der Idee geprägt war, dass Minderheiten gegen Unterdrücker kämpfen, fiel es ihm leicht, wie es die Intersektionalität verlangt, alle Konflikte als gleich zu betrachten.

Israel ist nicht perfekt, aber es hat Tutus Schmähungen nicht verdient. Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass Tutu seine eigenen Erfahrungen mit der Sache einer palästinensischen Nationalbewegung verwechselte, deren Identität untrennbar mit einem Krieg zur Auslöschung Israels verbunden ist und nicht mit einem Kampf für Gerechtigkeit. Damit hat er sich auf die Seite von Hass und Intoleranz gestellt.

Wir sollten uns an Tutus heldenhaften Kampf gegen die Apartheid erinnern. Aber das entschuldigt nicht seine Bemühungen, den Hass gegen Israel und die Juden zu rechtfertigen.

Norman J. W. Goda: Was eine Schulbehörde in Tennessee und Whoopi Goldberg gemeinsam haben

Die öffentlichen Fehltritte in Bezug auf den Holocaust zu Beginn dieses Jahres stehen scheinbar in keinem Zusammenhang, sie sind aber dennoch miteinander verknüpft. Der erste, die Entscheidung einer Schulbehörde in Tennessee, Art Spiegelmans Maus aus dem Holocaustcurriculum zu streichen, zeigt, wie in einem Schulbezirk konservative Entscheidungsträger den Holocaust als eine allgemeine, universelle Lektion betrachten, deren jüdische Aspekte bestenfalls unbequem sind und schlimmstenfalls zum kulturellen Zusammenbruch führen könnten. Der zweite Fehltritt, bei dem es um Äußerungen der Entertainerin und Sozialkritikerin Whoopi Goldberg geht, betrifft ebenfalls den Holocaust als universelle Lektion, von der die jüdische Spezifik abgetrennt ist. Gerade als jüdische – das heißt weiße – Katastrophe passt der Holocaust nicht in den sensibilisierten Rassediskurs der Gegenwart. In beiden Fällen wird der Holocaust in die amerikanischen Kulturkriege hineingezogen, auf Kosten der Erinnerung an den Holocaust selbst.

Alexandra Bandl: Der Farhud: Der Anfang vom Ende einer zweitausendjährigen Geschichte. Zum Exodus der Juden aus dem Irak

Der Mythos des »goldenen Al-Andalus« wurde maßgeblich von assimilierten europäischen Juden im ausgehenden 19. Jahrhundert geprägt. Dies geschah zu einer Zeit, als der Orientalismus in der Kunst, Architektur und Literatur zum vorherrschenden Motiv wurde, wovon auch zahlreiche Synagogenbauten im maurischen Stil zeugen, die aus jener Zeit stammen. Man berief sich auf den Beitrag der mittelalterlichen Juden unter islamischer Herrschaft zur Herausbildung der modernen Wissenschaften, wie am prominenten Beispiel des Maimonides und seiner Geburtsstadt Córdoba als Schmelztiegel der Religionen gerne angeführt wird; dass Maimonides vertrieben wurde, bleibt dabei meist unbetont. Die Gründe für diese Romantisierung sind komplex und begründen sich nicht allein in der Sehnsucht nach der vermeintlich harmonischen Vergangenheit.

Dessen ungeachtet gründete die Dhimmitude auf der strukturellen Inferiorität und permanenten Demütigung von Nichtmuslimen und ist nicht vergleichbar mit den modernen westlichen Vorstellungen von Gleichheit und Freiheit. Nathan Weinstock kommt aus diesem Grund zu dem Schluss, »dass das Los der jüdischen Minderheiten unter dem Islam sich nicht grundsätzlich vom Status der Juden unter dem Kreuz unterschieden hat« und charakterisiert die Juden in der arabischen Welt als »Pariavolk« – als ein Volk der Ausgestoßenen. Auch nutzt er die Metapher des Hundes, um die Verachtung zu beschreiben, die man den Juden unter dem Halbmond entgegenbrachte und erinnert an den Schlachtruf »Die Juden sind unsere Hunde« aus den 1920er Jahren. Ein Beauftragter der Alliance Israélite Universelle beschrieb diese »Toleranz der Verachtung«, die charakteristisch für das jüdisch-muslimische Verhältnis war, wie folgt: »Der Jude ist das Tier, das man bei jedem Anlass schlägt, aus nichtigem Grund, um seine Nerven zu beruhigen, um seinen Zorn zu besänftigen«.

H.v.Z.: Thomas Bernhard erzählt einen Witz

Der Heidegger träumt: er sitzt vor seiner Hütte auf seiner Todtnaubergbank, näht gerade einen Hirschknopf an seinen Janker, da rattert von unten im Dorf ein Sherman-Panzer den Feldweg herauf. Er übertönt das Plätschern vom Brunnen mit dem Sternenwürfel. Elfride, wie so oft Strümpfe für den nächsten Winter strickend, schreit zu ihm herüber: »Martin, der Amerikaner kommt!« Als der Panzer eine kleine Tanne umfährt, schimpft der Schwarzwalddenker: »Alles ist boden- und ziellos« …

H.v.Z.: H.v.Z. erzählt dieses Mal selber einen Witz, der nicht witzig ist und auch keiner ist

Auf der Website des seit längerer Zeit glücklicherweise eingestellten Periodikums Magazin, auf der man seit der Coronapandemie die wirklich triftigen Anliegen einer Berliner Eckkneipe namens Laidak online vertritt, kündigte man zum Vorabend des Großen Vaterländischen Kriegs einen Vortrag unter dem Titel Die Zeitenwende: Nach Corona nun der Krieg – Von der Maske zum Stahlhelm an, der den Zusammenhang zwischen den »Corona-Regimes« und dem russischen Krieg in der Ukraine herbeisinnen will; es heißt dort unter anderem …

Bruno Chaouat: Heideggers Gespenster oder: Das Potential der Dekonstruktion

Was bleibt übrig von der Dekonstruktion? Was wird heute im Namen der Dekonstruktion über Juden, Israel und den Zionismus gesagt? War die Kritik der Metaphysik der présence, ein zentraler Lehrsatz im Denken Derridas, dazu verdammt, in Antizionismus und Antijudaismus abzugleiten? Schlimmer – in allgegenwärtigen Antisemitismus? Ist der Geist Heideggers, der von Blanchot, Levinas und Derrida so sorgfältig abgelenkt wurde, zurückgekehrt, um die Theorie heimzusuchen?

Die Wiederkehr von (und zu) Heidegger kann in Deconstructing Zionism, einer Essaysammlung herausgegeben von Gianni Vattimo und Michael Marder, nachvollzogen werden. In diesem Buch wird man Zeuge einer Neuaneignung Heideggers in der Absicht, die Verbrechen und Ungerechtigkeiten des »Zionismus« anzuprangern. In der Sache selbst ist etwas vollkommen Konsistentes in der Neuaneignung Heideggers, um einen intellektuellen und ideologischen Krieg gegen den jüdischen Staat zu führen. Angesichts der neuen Erkenntnisse über Heidegger, die Juden und den Antisemitismus bestehen keine Zweifel daran, dass die Herausgeber und Autoren dieses Buches ihren Schutzpatron passend gewählt haben.

Georges-Arthur Goldschmidt: Philosophie und Collaboration oder Martin Heidegger in Frankreich

So entfaltete sich nach 1968 ein richtiger geistiger Terrorismus, der den französischen Philosophen den Wind aus den Segeln nahm. Alle fühlten sich von nun an verpflichtet, deutsche Wörter in ihre Texte einzufügen, um philosophisch wahrgenommen zu werden, sonst wurden sie einfach als bavardeurs abgetan von irgendwelchen Pariser Schöngeistern, die selbst unfähig waren, sich eine Bockwurst zu bestellen. Deutsch hatten sie in den Büchern gelernt, kaum aber ahnten sie etwas von der lebendigen Alltagssprache und schon gar nichts vom brutalen und gewalttätigen Grundton der Texte Heideggers – wie sollte ein französisches Ohr erraten, was »schutzloser Markt der Wechsler« wohl bedeuten konnte, es kann auch nicht die unvermeidlichen jüdischen Wucherer darin heraushören.

Oskar Maria Graf: Unser Dialekt und Existenzialismus

Auffällig ist mir bloß, was der Heidegger-Martl in einem fort mit seiner Werferei hat. Das, mein ich, könnt ihm vielerorts sehr schlecht ausgelegt werden. »Geworfen« hat mich meine Mutter selig nicht, sie hat mich geboren. Werfen tut bei uns bloß eine Sau, und zwar einen Wurf Ferkel, der gewiß nicht als »Gegenwurf« aufgefaßt werden kann. Noch bedenklicher ists, wenn unterstellt wird, daß der Martl vielleicht mit »Seyn« wirklich Gott meint. Daß unser Herrgott »geworfen« hat, ist schon rein zum Grausen. Dabei ist doch der Martl durchaus kein zynischer Verneiner wie der Sartre-Pauli, sondern eher ein religiöser Gesundbeter, der uns immer und immer wieder dem reinen Sein näherbringen will. Ich begreif nicht, wie ihn seine Verehrer und Jünger noch nie auf seine mißverständliche Werferei aufmerksam gemacht haben. Wahrscheinlich aber sind sie von allem, was er von sich gibt, so hingerissen, daß sie es ihm einfach wie Papageien nachplappern. Mich aber täuscht der nicht mit seiner verworfenen Denkerei. Ich hab sogar gemerkt, daß ihm dabei oft selber angst wird, weil er alsdann oft und oft umsteckt und seinem »Seyn«, eine ganze Preisliste der besten Eigenschaften zudichtet, wie zum Beispiel, daß es »das Offene, Lichtende, das Schickende« und noch allerhand viel Besseres ist, welches »lichtet«, in dessen »Gunst« und »Huld« wir stehen, und daß wir manchmal von seiner Stimme »angerufen« werden usw. usw. Dieses gefällige Ausschmücken macht ihm so schnell keiner nach, dem Martl. Da erfindet er originalneue Wörter, die bloß noch er und seine nächsten Jünger verstehen, und den falsch angewandten gibt er kurzerhand seinen »jeeigenen« Sinn. So reichhaltig wird dabei sein Sprachschatz wie etwa bei einem »Billigen Jakob« auf unseren altbayrischen Jahrmärkten oder wie beim unvergeßlichen Schauspieler Pallenberg in der Familie Schimeck, wenn er seine immer neuen Wortverdrehungen aus sich herausgesprudelt hat.

Markus Bitterolf: »Mich aber täuscht der nicht mit seiner verworfenen Denkerei«. Oskar Maria Graf und Heideggers Ideologie

Oskar Maria Graf ist heute integriert in weiß-blauer Urigkeit, verstaut in der Literaturgeschichte und patriotisch stilisiert zum Repräsentanten des »anderen Bayern«. Längst abgeklungen ist die postnazistische Phase »in diesem dunklen Land der Schweinemast und Autoindustrie«, als er noch als »Roter«, Emigrant und nestbeschmutzender Literat zum Pulk unerwünschter Personen zählte, und »so einer« besser auf der anderen Seite des Atlantiks blieb. Wie wenig er tatsächlich willkommen war, wurde Graf Ende der 50er Jahre klar, als er das erste Mal seit 1933 nach West-Deutschland zurückkehrte. Die zwangsdemokratisierten Deutschen hatten keinen Bedarf an einem wie ihm, der allein durch seine Anwesenheit die Frage stellen würde, welchen Anteil jemand an Gleichgültigkeit, Ausgrenzung und mörderischem Wahn im Dritten Reich hatte. Über seine Eindrücke schrieb er wenig später: »Was mich aber bei meinen Deutschlandbesuchen grade in der wirtschaftswunderlichen Bundesrepublik am meisten anwiderte, war, ganz abgesehen von einem bereits latent gewordenen Antisemitismus, das wiedererwachte, engstirnig provinzielle deutsche Tüchtigkeitsprotzentum, gepaart mit der durchgehenden spießbürgerlichen-nihilistischen Prasserstimmung. Nach uns die Sintflut. Hauptsache ist, mir gehtʼs gut.« Grafs mitunter rigorose Ansichten, seine antifaschistische Haltung und geistige Unbequemlichkeit, was seine Herkunft anbelangte, seine Weigerung also sich dem »Mia san mia« des selbstbezüglichen Bayern anzuschließen, führten zu bleibenden Irritationen, mitunter Feindseligkeit: »Er war nach dem Kriege politisch in der Bundesrepublik so wenig erwünscht wie literarisch. Die Politik war jene, die wir kennen; und wäre da nicht die unleugbare Bodenständigkeit dieses Oberbayern gewesen – man hätte versucht, ihn unmöglich zu machen.«

Gerhard Scheit: Die schmale Straße des Messias: Über Albert Drach

Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum, Albert Drachs berühmtester Roman, beginnt damit, dass der galizische Talmudschüler Schmul Leib Zwetschkenbaum, unter einem Zwetschkenbaum sitzend, verhaftet wird. Anders als Josef K. in Kafkas Prozess erfährt er, warum das geschieht: Er wird beschuldigt, die Zwetschken des Baums gestohlen zu haben. Es folgen Gefängnis, Irrenanstalt und eine gescheiterte Flucht, die ihn – nunmehr beschuldigt der Brandstiftung, weil er einen Fluch ausgestoßen hat – wiederum vors Gericht bringt und in die Irrenanstalt. Diesmal wird das Verfahren jedoch eingestellt und Zwetschkenbaum kann auch die Anstalt wieder verlassen. Als er von einer angeblichen Erbschaft seines Bruders erfährt, macht er sich auf die Suche nach ihren geheimen Verwaltern. Dabei heften sich zwei Kleinkriminelle auf seine Spuren, die ihm das Erbe abjagen wollen. An deren Stelle wird er nun wegen Hehlerei verhaftet. Bei dem neuerlichen gerichtlichen Verfahren tritt zutage, dass es sich bei dem Vermögen nicht um das Erbe des Bruders handelt, der vielmehr unter anderem Namen noch lebt. Stattdessen hat es der Rechtsanwalt Dr. Schimaschek, der zusammen mit Zwetschkenbaum im Irrenhaus saß, als eine Art Bußgeld eingesammelt bei den Personen, die sich an Zwetschkenbaum vergangen hatten. Der mit der Untersuchung gegen Zwetschkenbaum betraute Richter, Baron Dr. Xaver Bampanello von Kladeritsch, ordnet nun die Abfassung eines umfassenden Protokolls an – es ist eben dieses große Protokoll gegen Zwetschkenbaum, das man gelesen hat.

Miriam Mettler: List der Hoffnung. Zum Verhältnis von Desillusionierung, Ohnmacht und Erkenntnis

So nimmt es kaum Wunder, dass gerade Autoren und Künstler, die in der Lage sind, die Fassade, die die Realität vor ihnen aufbaut, herunterzureißen, psychischer Absonderlichkeit oder übertriebener Empfindlichkeit bezichtigt werden, wenn sie dem zum Recht oder – bescheidener gesagt – zum Ausdruck verhelfen, was im Alltäglichen unterdrückt und verstümmelt wird. Genie und Wahnsinn lägen nah beisammen, heißt es immer dann, wenn man sich die Mühe nicht machen möchte, den Ausdruck von Erkenntnis an sich heranzulassen – sei es aus Angst, dass der Text, das Bild, der Roman recht gegen die eigenen Illusionen behält, sei es aus Bequemlichkeit, weil das Eintauchen in ein Werk einem Anstrengung und Ausdauer abverlangt, sofern es mit Objektivität gesättigt ist und nicht bloß dem alltäglichen Schein – oder wie es in verräterisch medizinischer Diktion heißt – dem gesunden Menschenverstand verhaftet bleibt. Die Unterstellung geistiger Krankheit soll die gesellschaftliche Bedeutung des Werks unterminieren.

Kafka ist ein beliebtes Ziel jener illegitimen Psychologisierung, die die Bankrotterklärung, die er der bürgerlichen Gesellschaft ausstellt, zu seiner eigenen seelischen Marotte umdeutet.

Alex Gruber: Grenzen der Kunstsoziologie und Autonomie des Kunstwerks. Leo Löwenthal, Theodor W. Adorno und die kritische Theorie der literarischen Moderne

Doch solchen Fragen stellt Löwenthal sich nicht, für ihn sind Hamsuns Romane allein deswegen keine Kunstwerke, weil in ihnen die Versöhnung positiv nicht vorkommt. Stattdessen spricht er von Desorientierung, »müder Resignation«, gar von »soziale[m] Defätismus«. Besonders deutlich wird das etwa, wenn er Eduard Bernsteins Rezeption des Hamsunschen Werks lobt. Der deutsche Sozialdemokrat schreibt, dass Hamsun abzulehnen sei, weil in seinen Romanen nicht lebendige Menschen dargestellt, sondern Stimmungen gestaltet würden, die mit auf Emanzipation gerichteten Tendenzen nicht das Geringste zu tun hätten. Bernstein will also unmittelbar politische Kunst und formuliert ein letzten Endes geradezu banausisch gegen Avantgarde und Abstraktion im Allgemeinen gerichtetes Ressentiment, weil diese den Leser von der richtigen Politik abhielten. So schreibt er, Hamsuns Werk zeuge »von einer starken Neigung zu verzerren und den Leser zu foppen … Und wenn die Abgerissenheit der Gespräche, die Abgerissenheit der Szenen, die Abgerissenheit der ganzen Handlung des Romans – soweit von Handlung überhaupt die Rede sein kann – nicht in der Blasiertheit oder Nervosität des Verfassers wurzeln, so sind sie jedenfalls sehr geeignet, den Leser nervös und blasiert zu machen.«

Literatur soll also keinen Schock versetzen und nicht nervös machen, sondern Mut, Hoffnung und Zuversicht spenden sowie auf politische Notwendigkeiten hinweisen. Auch wenn Löwenthal das so explizit nicht selbst schreibt, so zitiert er dennoch Bernstein zustimmend, bei dem alle Zutaten des sozialistischen Realismus schon versammelt sind, was erneut darauf hinweist, dass sein Kunstbegriff letzten Endes doch auch auf etwas abzielt, das Adorno als engagierte Kunst bezeichnete und kritisierte. Dementsprechend äußerte Adorno sich Horkheimer gegenüber auch kritisch zu Löwenthals Hamsunaufsatz: »Was die Arbeit von Löwenthal angeht, so ist mir wenig wohl zumute. Er handhabt die übernommenen Kategorien des dialektischen Materialismus in einer Weise, die der roten Tinte des Lehrers nicht ganz unähnlich sieht und mißt, ohne allen historischen Takt […] in einer recht vorschnellen Weise alles an seinen Begriffen von Materialismus. Dabei kommt dann eine Art Gemetzel heraus, bei der man das Gefühl hat, daß die hingemachten Opfer nur allzu leicht wiederauferstehen können.«

Felix Brandner: Vernunft und »Einzelwahnsinn«. Einige Überlegungen zum Verhältnis von Bewegung und Einsamkeit anlässlich Klaus Bittermanns Deutung der Biographie Wolfgang Pohrts

Hinter der Konstruktion der Biographie Pohrts im Spannungsfeld von Bewegung und Einsamkeit, genauer: seiner Deutung der Person Pohrts als Solitär und einsamer Parteigänger der Vernunft, steht also ein Faszinosum Bittermanns. In der Biographie Pohrts legt dieser auch seine eigenen Erfahrungen offen, weshalb sie zur Typologie gerinnt. Gänzlich von der Hand zu weisen ist diese Erklärung für Bittermanns Wahl der Darstellung nicht, wenn man einen Blick ins Verlagsprogramm der Edition Tiamat wirft, in dem sich ein ganzer Haufen von Störenfrieden, Außenseitern und Querulanten tummelt. Sie gewinnt sogar eine gewisse Plausibilität, wenn man die Beobachtung einmal macht, dass Bittermann in seiner Darstellung der Biographie Pohrts intellektuelle Unruhestifter wie Henryk M. Broder, Eike Geisel und Christian Schultz-Gerstein eine besonders hervorgehobene Rolle zuspricht – und eben diese Autoren auch in seiner eigenen, verlegerischen Autobiographie, Einige meiner besten Freunde und Feinde, porträtiert. Hier ist also Sympathie am Werk und nicht der wissenschaftliche Wille zur unbedingten Präzision.

Luis Gruhler: Der Narr und der Souverän

Der Narr indessen erdreistet sich, an seinem Recht auch dann noch festzuhalten, wenn durch die Etablierung eines Souveräns Gerechtigkeit positiv durchgesetzt werden soll. Er offenbart, dass die Gesetze der Natur »keine eigentlichen Gesetze sind«. Sein Schicksal unter dem Souverän allerdings ist schnell bestimmt: er wird »aus der Gesellschaft ausgeschlossen oder hinausgeworfen« und zurückgestellt in den »Kriegszustand, worin er zuvor war, in welchem er von jedem Beliebigen vernichtet werden kann, ohne daß dies eine Ungerechtigkeit wäre«. Die Behauptung, es gebe keine Gerechtigkeit, wird so von gerade dem Souverän wahr gemacht, dessen einziger Zweck die Friedenssicherung seiner Untertanen ist, und welcher doch die einzige Instanz sein soll, die Gerechtigkeit etabliert. Der Narr muss somit auch dem Gesellschaftsvertrag selbst – der Urvertrag, der alle späteren mit Gerechtigkeit affiziert – die Gerechtigkeit absprechen. Er negiert mit dem Vertrag gerade das Element der Rationalität des Souveräns. Die Erwägungen des Narren schieben den Akzent auf dessen vor-rationales Element, der voluntas: »Das Reich Gottes wird durch Gewalt erlangt – was aber, wenn es durch unrechtmäßige Gewalt erlangt werden könnte? Wäre es wider die Vernunft, es so zu erlangen, wenn es unmöglich ist, von ihm geschädigt zu werden? Und ist es nicht wider die Vernunft, so ist es nicht wider die Gerechtigkeit – oder aber die Gerechtigkeit kann nicht als Gut anerkannt werden.« Zwar ist der Souverän höchste Gewalt, aber er ist darum noch nicht höchste Gewalt für alle. Der Gesellschaftsvertrag könnte mit entsprechender Gewalt ungerechterweise gebrochen werden, ohne dass diese Handlung der Vernunft widerspreche. Da die Gerechtigkeit aber ein Vernunftgesetz ist, so kann der Vertragsbruch, da er ja mit der Vernunft vereinbar ist, selbst nicht wieder ungerecht sein. Der Begriff der Gerechtigkeit zerfällt so vor der Möglichkeit einer mit Gewalt verschwisterten Vernunft. Es ist aber gerade diese, welche Souverän und Gesellschaftsvertrag möglich macht. An der Figur des Narren und der Möglichkeit der Rebellion spiegeln sich die Paradoxien des Souveräns.

Michael Heidemann: Geschichte, Klassenbewusstsein und Freiheit. Aporien der Revolutionstheorie bei Georg Lukács. Teil 1

Die Revolutionstheorie tritt das Erbe der idealistischen Geschichtsphilosophie an, aus deren Kritik sie gewonnen ist. Ihre Aporien sind der Sache nach diejenigen der idealistischen Geschichtsphilosophie. Für diese ergab sich bereits das Problem, dass ein konsistenter Begriff von Geschichte die Einheit seines Gegenstandes voraussetzt, mithin den gesamten Geschichtsprozess als eine Totalität begreifen muss, die sich gemäß ihrem inhärenten Entwicklungsprinzip entfaltet. Die Idee der Totalität als die Vollständigkeit der Reihe der Bedingungen zu einer gegebenen Erscheinung wird nach Kant notwendig von der Vernunft gefordert und ist Thema der transzendentalen Dialektik in der Kritik der reinen Vernunft. Als einer Idee kann ihr selbst kein Gegenstand möglicher Erfahrung korrespondieren, sie ist vielmehr erschlossene Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung überhaupt. Da die absolute Totalität der Bedingungen die Erkenntnis von Gegenständen möglicher Erfahrung begründen soll, muss sie selbst nach Zeitbestimmungen organisiert sein. Dass überhaupt eine bestimmbare Entwicklung sei, setzt erkenntnistheoretisch den Unterschied einer regressiven und einer progressiven Synthesis in der Zeit voraus. Die Unterscheidung von regressiver und progressiver Synthesis führt Kant im ersten Abschnitt zur Antinomie der reinen Vernunft, im System der kosmologischen Ideen ein: »Ich will die Synthesis einer Reihe auf der Seite der Bedingungen, also von derjenigen an, welche die nächste zur gegebenen Erscheinung ist, und so zu den entfernteren Bedingungen, die regressive, diejenige aber, die auf der Seite des Bedingten, von der nächsten Folge zu den entfernteren, fortgeht, die progressive Synthesis nennen. Die erstere geht in antecedentia, die zweite in consequentia. Die kosmologischen Ideen also beschäftigen sich mit der Totalität der regressiven Synthesis, und gehen in antecedentia, nicht in consequentia. Wenn dieses letztere geschieht, so ist es ein willkürliches und nicht notwendiges Problem der reinen Vernunft, weil wir zur vollständigen Begreiflichkeit dessen, was in der Erscheinung gegeben ist, wohl der Gründe, nicht aber der Folgen bedürfen.« Paradoxerweise ergibt die Reflexion auf die Bedingung der Möglichkeit des Begriffs der Geschichte also eine durch die Gegenwart gespaltene Totalität, wodurch der Begriff der Totalität selbst zerstört wird. Der Unterschied von regressiver und progressiver Synthesis ist nicht haltbar, da in jedem Zeitpunkt diese sich in jene verwandelt, der Indifferenzpunkt der Gegenwart ist also nicht fixierbar. Und doch macht gerade diese Unterscheidung von regressiver und progressiver Synthesis »den logischen Kern jedes denkbaren Begriffs von Geschichte aus«, und zwar eines Begriffs von Geschichte, der Kausalität durch Freiheit voraussetzt, also das Vermögen aus absoluter Spontaneität eine »Reihe von Erscheinungen, die nach Naturgesetzen läuft, von selbst anzufangen«. Der von Kant durch die Unterscheidung nach regressiver und progressiver Synthesis gespaltene Begriff der absoluten Totalität der Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten ermöglicht den rekursiven Schluss auf die Bedingungen der Möglichkeit des Gegenwärtigen, ohne umgekehrt eine vollständige Theorie der Genesis des Resultats aus seinen Bedingungen zu geben. Dagegen implizierte die Vorstellung einer gegenwärtigen Erscheinung, die zugleich die Totalität aller vergangenen Bedingungen als auch künftigen Folgen in sich enthielte, die Idee einer göttlichen Vorsehung und schlösse mit der Kausalität durch Freiheit zugleich das geschichtlich wirkmächtige Handeln empirischer Subjekte prinzipiell aus. Die Abwehr des Determinismus durch Kant gelingt jedoch nur um den Preis eines inkonsistenten Begriffs von Geschichte, deren Vergangenheit vollständig abgeschlossen ist und deren Zukunft gänzlich unbestimmt bleibt.

Joachim Bruhn: Warum können die Marxisten nicht lesen? Der Anfang des Kapital und das Ende des Kapitalismus

Die Generalthese gleich am Anfang. Es scheint ein untrügliches Kennzeichen kommender großer historischer Katastrophen zu sein, wenn die Marx-Einführungen inflationär zunehmen. Also ich möchte das nicht gerade das Karl Marxsche Gesetz nennen, aber es scheint so zu sein, dass immer dann – wenn es wirklich bald ganz schlimm kommt, also wenn ein 4. August 1914 oder ein 30. Januar 1933 naht – das Bedürfnis von linken Akademikern sehr stark und kaum zu bremsen ist, dem Volk eine Einführung in Marx zu geben. Und das ist ein Spiel, das das gesamte Bürgertum gerne mitmacht, denn die ganzen Zeitungen sind voll damit. In der Rubrik Geld und Mehr lesen wir in der FAZ: »Hat Marx doch recht?« Dann lesen wir in der Süddeutschen Zeitung von der letzten Woche auf zwei Seiten, warum Marx recht hat und warum Marx unrecht hat. Es ist also ein großes Rechthaben über die bürgerliche Gesellschaft im Gange. Alle wollen recht haben. Und der FAZ-Autor aus der Spalte Geld und Mehr ist dann durchaus auch bereit, dem Marx zuzubilligen, dass er durchaus da und dort etwas gesehen hat, dass er den Grundwiderspruch dieser Gesellschaft an der Rolle des Geldes festgemacht habe und damit, dass die natürliche Tauschkette nicht mehr Ware-Geld-Ware, sondern Geld-Ware-Geld lauten würde. Es ist also irgendwie alles verkehrt geworden, aber immerhin hat Marx in manchen Punkten nicht falsch gelegen – er war alles andere als ein schlechter Ökonom, lobt ihn die FAZ. Und insbesondere habe er gesehen, dass die Gefahr einer Entkoppelung des Finanzsektors von der Realwirtschaft in der Tat eine Achillesferse des Kapitalismus sei. Also irgendwie hat der Marx schon was richtig gesehen: er war ein begnadeter Rechthaber und er soll ja auch sehr viel Richtiges über die Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts gesagt haben – man weiß halt nicht, ob diese Dinge auch heute noch so richtig gelten. Merkwürdig ist diese ganze Konjunktur in Sachen, ob Marx recht hat. Es sind Bücher erschienen von Terry Eagleton Warum Marx recht hat, von Fritz Reheis Wo Marx recht hat und sogar das ZDF fragt sich Feiert Marx ein Comeback? Denn es ist so, wie das ZDF sagt, seit vielen Jahren steigt Marx aus der Mottenkiste – man möchte ihm wünschen, in unser aller Interesse, dass er endlich mal rauskommt.

Manfred Dahlmann: Das Kapital und seine Geschichte. Gibt es eine materialistische Lösung für das Henne-Ei-Problem?

Heute ist dieser Gott, in dieser seiner synthetisierenden Macht, tot. An seine, die Gesellschaft synthetisierende Stelle ist der Wert getreten, der sich als allgemein akzeptierter Inhalt gesellschaftlicher Reproduktion in der universell gewordenen Geldform materialisiert hat: Das Geld ist so ein empirisch existierender Gott geworden und verschaffte damit dem Wert (im Vergleich zu dem sinnlich nicht erkennbaren Gott der altkatholischen, mittelalterlichen Kirche) seine himmelweite Überlegenheit. Das Geld als der sinnlich wahrnehmbare Ausdruck eines übersinnlichen, abstrakten und allgemeingültigen Prinzips: eben der Verwertung von Wert, sorgt nun dafür, dass die kapitalistisch vergesellschafteten Subjekte sich ebenso wie die mittelalterlichen Menschen als Teile eines allgemeinen Ganzen erfahren. Diese allgemeine Form verschafft diesen Subjekten dann die ihrer Form der Vergesellschaftung adäquaten Ideologien, so etwa (neben derjenigen, die, wie oben behandelt, glaubt vom Inhalt auf die Form schießen zu können) die, davon überzeugt sein zu können, nur als Glieder eines staatlich organisierten, gesellschaftlichen Verhältnisses existieren zu können.

Das alles zusammengefasst: Ein Buch wie Das Kapital von Marx konnte – so wenig wie die anderen philosophischen Werke der Neuzeit – in der Antike unmöglich geschrieben werden. Diese philosophischen Werke insgesamt berichten, vor dem Hintergrund der marxschen Wertformanalyse gelesen, von der Wahrheit, dass es in der Geschichte der Menschheit eine Verschiebung vom Inhalt zur Form, von der die Praxis anleitenden, römisch-hellenistischen Tugendlehre etwa, zur analytisch-empirisch allein zu ermittelnden Wahrheit gegeben hat und diese Philosophien analysieren insgesamt und jede auf ihre Weise, wie auch immer ideologisch verfremdet, die Funktionsweisen einer Gesellschaft, der nur die Inhalte etwas bedeuten, die sich in die gegebene Form einpassen lassen – womit wir den Anfang dieses Vortrages wieder eingeholt hätten: Diese Form (wie ja auch eine Bierflasche) vermag, beliebige Inhalte aufzunehmen – aber durchaus nicht jeden: sondern nur den, der sich auch in einer Bierflasche unterbringen lässt beziehungsweise ihr tatkräftig angepasst worden ist. Und eine derartige Organisation der Gesellschaft hat es weltgeschichtlich vor dem Kapitalismus nirgendwo gegeben.