sans phrase - Zeitschrift für Ideologiekritik

Adornos musikalische Begriffe

Teresa Roelcke | Parataxis | Heft 13, Herbst 2018

Was in diesen Überlegungen zu thematisch-motivischer Arbeit nun deutlich werden sollte, ist Adornos Interesse an Musik als Prozess. Er spricht sogar von einer „Verpflichtung des Werdens“. Was in Musik als Sinn auftritt, entfaltet sich als Werdendes und lässt sich aus dem zeitlichen Verlauf nicht herauslösen. Die Frage nach den Einzelelementen ist auch nur deshalb interessant, weil sie es sind, die in diesem Prozess dasjenige darstellen, was in Bewegung versetzt und mit anderem in Verbindung gebracht wird. Ihre Bedeutung erlangen sie aber erst im spezifischen Kontext. Letztendlich ist es der konkrete Verlauf der Bewegung selbst, der den Ausdruck der Komposition ausmacht. Auf diese doppelschlächtige Eigenschaft der Einzelelemente – selbst nur aus dem Kontext Bedeutung zu erlangen, und dabei gleichzeitig das zu sein, was in einen Prozess gesetzt wird und damit für diesen trotzdem unverzichtbar ist – zielt Adorno, wenn er davon spricht, die Einzelelemente schössen über sich hinaus. Darin ist ein Grundmotiv seines dialektischen Denkens zu sehen. Die Konstellation, die zwischen den Materialelementen der Komposition entsteht, ist damit nicht als quasigeometrische, also statische interessant, sondern weil sie den dynamischen Prozess, in dem sich musikalischer Sinn entfaltet, fixiert und so einen Speicher der dialektischen Bewegung darstellt. Komplexe Reflexion, komplexe motivisch-thematische Arbeit also mit ihren „gelegentlich aufs diskreteste angedeuteten“ Motivgleichheiten und -variationen, setzt damit die Fixierung der Komposition durch Notation voraus, denn „die komplexen Verknüpfungsformen, durch welche die Sukzession inwendig als solche sich organisiert, wären improvisatorischem, schriftlosen Musizieren inadäquat.“ Wenn Musik einen spezifischen, selbstreflektierten Gehalt in sich tragen soll, wenn sie einen dynamischen Prozess im Moment ihrer Interpretation entfalten soll, dann ist sie auf die schriftliche Fixierung angewiesen. Damit kommt sie ohne ein Moment von Statik nicht aus. Sich innerhalb dieses Spannungsfeldes für eine Seite zu entscheiden, den Schein der Dynamik also entweder durch improvisierte Musik einerseits oder statische Musik andererseits aufzulösen, ist für Adorno nicht möglich. Erstere kann in vollständiger Dynamik letztendlich keinen Prozess mehr abbilden, da dieser gerade im komplexen Umgang mit Identität und Nichtidentität entsteht und nicht in willkürlicher Aneinanderreihung schon erwähnter „Tonhaufen“; ohne diesen Prozess aber endet sie wieder nur statisch.