sans phrase - Zeitschrift für Ideologiekritik

Josef K. in antisemitischer Gesellschaft. Über Franz Kafkas Process

David Hellbrück | Parataxis | Heft 13, Herbst 2018

Wahrscheinlich ist es Kafka nur dadurch möglich geworden, dass er von K. als Jude absieht. Dies mag im ersten Moment paradox klingen, erklärt sich aber dadurch, dass der Antisemitismus keineswegs an einzelnen Vorurteilen und Stereotypen festzumachen ist, sondern kapitalentsprungene Totalität ist. Und das ist Kafka wohl nur durch eine Kunst, die aufs Ganze zielt, wiederum möglich: „Darstellbar ist diese wirkliche Totalität aber nur – und das gehört zu den Geheimnissen der Kafkaschen Kunst, die sie dem Theologischen so naherücken – weil vollkommen von dem abstrahiert wird, was in Wahrheit die Individuen mit dem Staat identisch macht: vom nationalen Bewußtsein. Kafkas Individuen haben keine Nation, darum wird sichtbar, daß sie alle von einer unbekannten Macht besessen sind, ob sie es wollen oder nicht. Der nationale Wahn selbst wird nicht beschrieben, und nur so kann die ganze Gewalt, die er über die Menschen gewonnen hat, zur Sprache gebracht werden.“ Kafka schafft es somit, auf die Situation der Juden in antisemitischer Gesellschaft zu reflektieren, ohne von ihnen als solchen überhaupt zu schreiben und kann gleichsam Wahrheit über Gesellschaft aussprechen, die nach Max Horkheimer den Antisemitismus ins Zentrum zu stellen hätte: „So wahr es ist, daß man den Antisemitismus nur aus unserer Gesellschaft heraus verstehen kann, so wahr scheint mir auch zu werden, daß nun die Gesellschaft angemessen nur durch den Antisemitismus verstanden werden kann.“