sans phrase - Zeitschrift für Ideologiekritik

Theodor Lessing und der wohlverdiente Hass der Menschenfeinde. Eine biographische Skizze – unter Berücksichtigung alter deutscher Feindbilder

Kay Schweigmann-Greve | Parataxis | Heft 15, Herbst 2019

Die Verknüpfung zwischen der Analyse des jüdischen Selbsthasses und der Parteinahme für den Zionismus steht am Anfang des Buches über den jüdischen Selbsthass: Im Jahre 1929, während Lessing schrieb, fand der sogenannte arabische Aufstand in Palästina statt. Der Bewunderer Adolf Hitlers, der Großmufti von Jerusalem, der 1941 in Bosnien muslimische Freiwillige für die 13. Gebirgsdivision der Waffen-SS rekrutierte, hetzte zu jener Zeit die arabische Bevölkerung mit der Behauptung auf, die Juden wollten den Tempelberg erobern. Eine Parole, mit der bis heute Unruhen in Jerusalem beginnen. Lessing beginnt sein Buch mit den Worten: „An dem Tage, an dem ich dies Buch vom Selbsthass zu schreiben beginne, stöhnen die Juden des Ostens unter der Last einer schweren Kunde. In Jerusalem, im Gebiete des Haram ist vor der jüdischen Klagemauer ein Religionskrieg ausgebrochen.“ Der Hass, der sich dort entlade, könne „das Werk des jüdischen Volkes bedrohen.“ „Arabische Banden steckten die Jerusalemer Villenvorstadt Talpioth in Brand und verwüsteten das Haus des Dichters Agnon. Die berühmte Jeschiwa in Hebron, die Talmudschule aus dem litauischen Slobodka, wurde überfallen. Waffenlose junge Schüler, vom Sohn des Rabbi geführt, flüchteten in den Betraum, wo sie, einer wie der andere, während sie das Sterbegebet sprachen, erschlagen wurden. Und alles geschah unter den Augen der Mandatarmacht.“ Dennoch sieht auch Lessing keine Alternative zur Wiedererrichtung eines jüdischen Staates außerhalb Europas, am Ort der historischen Herkunft. Hätte er sich wenige Jahre später entschließen können, dorthin auszuwandern statt sich nicht weit hinter der deutschen Grenze in vermeintliche Sicherheit zu bringen, wäre er seinen Mördern entkommen.