sans phrase - Zeitschrift für Ideologiekritik

Hermann Borchardt, ein konservativer Radikaler

Christoph Hesse | Parataxis | Heft 15, Herbst 2019

Offenkundig haben die zwei Jahre in der Sowjetunion sowie die unverhoffte Rückkehr nach Deutschland, wo er zunächst fünf Monate als „Bürger 3. Klasse“ und dann zehn weitere als Lagerhäftling zubrachte, Borchardts Leben sehr viel schwerer beschädigt als alle sonstigen Zumutungen des Exils. Schaden nahm nicht nur, was man Geist oder Gemüt zu nennen pflegt (von etwas wie Hoffnung ganz zu schweigen), sondern auch sein Leib unmittelbar: infolge der Misshandlung im Lager verlor er sein Gehör und den Mittelfinger seiner rechten Hand. In der Sowjetunion, wo er als „Spez“ aus dem Ausland sogar manche Privilegien genoss, fand er sich zwar mit allerlei grotesken Vorschriften konfrontiert, doch selbst keinen Repressionen ausgesetzt. Was er dort mitansah und was andere ihm zutrugen, insbesondere über die Hungersnot während des ersten Fünfjahrplans sowie über die Zwangsarbeit, zu der Hunderttausende willkürlich deportiert wurden, reichte jedoch hin, um all das, was die Genossen im Westen darüber verbreiteten, als fabelhaften Betrug zu erkennen. Die Erfahrungen, die Borchardt allein in diesen Jahren machen musste, mögen leicht erklärlich erscheinen lassen, warum aus dem einstigen Revolutionär der Reaktionär wurde, als den seine ehemaligen Freunde ihn schließlich mieden; ein Resignierter, dem aber noch manche der Fortschrittlichsten wohlwollend nachsahen, dass ihm auf seinen abenteuerlichen Umwegen das richtige Urteilsvermögen abhanden gekommen sei.