sans phrase - Zeitschrift für Ideologiekritik

Hess, Marx und Herzl. (Exkurs zu Theorie des Zionismus, Kritik des Antizionismus)

Gerhard Scheit | Parataxis | Heft 15, Herbst 2019

Ebenso wird der falsche, weil gegen Vermittlung an sich gerichtete Schluss aus der Kritik der politischen Ökonomie bei Moses Hess schließlich doch konterkariert durch seine Auffassung des Gesetzes, die er spezifisch jüdischen Traditionen des Denkens verdankt. Zu dieser Auffassung nötigt ihn die geschichtliche Erfahrung „der Kinder“ eines „Stammes, der, wie kein Volk der Weltgeschichte, ein zweitausendjähriges Märtyrertum standhaft ertragen“ habe. Auf die Verfolgung der Juden kommt Hess sonst nur an wenigen Stellen seiner Schrift zu sprechen und doch ist ihre Erfahrung entscheidend für seine Erkenntnis von der Notwendigkeit eines eigenen Judenstaats. Denn der Stamm sei zur Selbsterhaltung bei den denkbar widrigsten Umständen nur imstande gewesen, weil er „das Banner seiner Nationalität, die Gesetzesrolle, um deretwillen er verfolgt worden, stets hoch empor gehalten und heilig gehalten hat …“ In dem Nebensatz ist die ganze Entlarvung des Antisemitismus angedeutet: Um der Gesetze willen, womit die Juden sich vom Opfer entfremdeten, sind sie gerade verfolgt worden. Und darum kann Moses Hess auch die Gesellschaft des neuen Staats, kaum dass „ein frommer jüdischer Patriot“ sie „in Vorschlag gebracht“ habe, nur in einer Weise ins Leben treten sehen: Nicht nur als „Anbau des heiligen Landes durch jüdische Arbeiter unter dem Schutze der westlichen Kulturvölker“, sondern so, dass „der Wohlstand unter dem Schutze des Gesetzes und auf der Grundlage der Arbeit“ entstehe – wodurch auch die Auffassung von der freien Assoziation der Produktivkräfte dahingehend korrigiert wird, dass es doch nur eine freie Assoziation von Individuen geben könne. Der Gedanke des Gesetzes und welche Bedeutung er für die Selbsterhaltung der Juden spiele, rettet im Gedankengang von Hess das Individuum als Selbstzweck, bewahrt es davor, in der kollektivistisch gedachten Produktivkraft der Arbeit unterzugehen.

Als Theodor Herzl 1901 Rom und Jerusalem las, notierte er in seinem Tagebuch: „Welch ein hoher edler Geist. Alles, was wir versuchten, steht schon bei ihm. Lästig nur das Hegelianische seiner Terminologie. Herrlich das Spinozistisch-Jüdische und Nationale. Seit Spinoza hat das Judentum keinen größeren Geist hervorgebracht als diesen vergessenen verblaßten Moses Heß!“