sans phrase - Zeitschrift für Ideologiekritik

Heft 4, Frühjahr 2014

Robert Bösch: Antisemitismus als Kulturtechnik. Anmerkungen zum bürgerlichen Subjekt (anlässlich zweier zufällig ausgewählter Druckerzeugnisse)

Dieser seltsame Gedankenbrei, der sich hier durch die Zeilen wälzt und dabei jedes antiamerikanische Stereotyp und jedes Versatzstück reaktionärer Kapitalismuskritik breitwalzt, der das Völkerrecht noch in die Zeit der Kreuzzüge zurückversetzt sehen will und sich nicht entscheiden kann, ob er nun Sklaverei und Indianermassaker für zwar nicht ganz so gravierend wie die Shoah halten will oder aber für das Vorspiel einer globalen Massenvernichtung; dieser seltsame Gedankenbrei erscheint als das Verfallsprodukt spätbürgerlicher Subjektivität, die ihre eigene gesellschaftliche Objektivität als eines Kontinuums der Katastrophe loszuwerden versucht, ohne sie doch loswerden zu können.

Niklaas Machunsky: Vergessen, um zu erinnern. Alain Finkielkraut und die Wendungen des Antisemitismus

In [Finkielkrauts] Darstellung entsteht der Eindruck, als sei der neue Antisemitismus ausschließlich ein mit den Immigranten eingewandertes Problem. Die Franzosen trifft hier lediglich die Schuld, das Problem nicht beim Namen zu nennen. In dem Text Im Namen des Anderen betonte Finkielkraut hingegen die spezifisch französische Ursache für den neuen Antisemitismus, den Wunsch, von der eigenen Geschichte bloß noch die Shoah zu erinnern und den Rest zu vergessen, um sich im postnationalen Traum einrichten zu können. Indem er nun diese Ursachen für den zunehmenden Judenhass ausblendet, um die französische Identität als Heilmittel gegen den Antisemitismus der Einwanderer anzurufen, täuscht er sich über die Tragweite des Problems. Auch verändert sich unter der Hand, trotz aller gegenteiligen Beteuerungen, seine Konzeption der französischen Nation, die ihrerseits zu einer ontologisch reinen Kategorie zu werden droht.

Alex Gruber: Das Duell Žižek vs. Derrida oder: Wenn der frühe Heidegger den späten kritisiert – und die Schwarzen Hefte beide vereinen

Es erinnert an einen Wiederholungszwang: Heideggers Denken scheint um jeden Preis gerettet werden zu müssen – und sei es um den Preis des Denkens selbst. Daran kann auch die Veröffentlichung der Schwarzen Hefte, in denen der Antisemitismus, der seinem Werk inhärent ist, nun auch manifest ersichtlich wird, genauso wenig ändern wie einst die Publikation Guido Schneebergers  oder vor einigen Jahren erst die Emmanuel Fayes; eher im Gegenteil: Noch die kritischen Stimmen, die Heideggers Antisemitismus offen benennen, stellen im Anschluss daran die bloß scheinbar kritische Frage: „Darf ein Philosoph, den viele für den grössten des 20. Jahrhunderts halten, sich so verirren?“  Statt sich einer Kritik der Existenzialontologie zu widmen, die Heidegger als deutschen Ideologen katexochen kenntlich macht, zeigt man sich „‚schockiert‘ angesichts des Antisemitismus der Notizbücher“ und konstatiert, dass es dem Philosophen „misslungen ist, sein Denken gegen solche Tendenzen zu immunisieren.“  So sehr steht das Bemühen um Rettung im Vordergrund, dass niemandem mehr paradox erscheint, warum ein Antisemit seine philosophischen Erwägungen gegen Antisemitismus hätte immunisieren sollen

Ljiljana Radonic: „Deutsche Therapie ist irgendwie universell.“ Von der friedfertigen Antisemitin zur queer-theoretischen Post-Zionistin

Das Entscheidende an Butlers „Post-Zionismus“, als den sie den aggressivsten Antizionismus verhübscht, ist diese Aufspaltung des Judentums in den israelischen Souverän und die gewaltfreie Diaspora. Damit wird implizit auch das Patriarchat Israel zugeschoben. Diaspora hingegen heißt zunächst „hineingeworfen sein in eine Welt der Nicht-Juden, in der man ethisch und politisch seinen Weg inmitten einer unumkehrbaren Heterogenität finden muss, … eine Bevölkerung und sogar eine ‚Macht‘, die von der Kohabitation mit den Nicht-Juden abhängt und die zionistische Verknüpfung von Volk und Land vermeidet.“  Doch Butler wäre nicht Butler, wenn sie nicht auch das Diaspora-Judentum spielerisch dekonstruieren würde, denn „in diesem Sinne heißt Jude ‚sein‘ sich von sich selbst zu trennen“, „die Betrachtung des Jüdischseins im Moment seiner Begegnung mit dem Nicht-Jüdischen und der sich daraus ergebenden Zerstreuung des Selbst.“

Klaus Thörner: Adolf Eichmann im Jihad

Im selben Manuskript vermerkte Eichmann mit Blick auf die Suezkrise von 1956, die Juden seien schon wieder die Kriegstreiber und Feinde des Weltfriedens. „Denn eben überrennen israelische Bajonette aus Friedensschlaf aufgescheuchtes ägyptisches Volk. Reißen israelische Panzer und Schützenpanzerwagen feuernd und brennend durch Sinai und bewerfen israelische Flugstaffeln friedliche ägyptische Dörfer und Städte mit Bomben. Zum zweiten Mal seit dem Jahre 1945 trat man an … Wer sind hier die Aggressoren? Wer die Kriegsverbrecher?“  Und dann schmiedete der Spezialist für Judenfragen eine neue Allianz und wendete sich direkt an die Moslems und die von ihnen verehrte Gottheit: „Die Opfer sind Ägypter, sind Araber, sind Mohammedaner. Bei Amon und Allah, ich fürchte, daß nach dem Beispiel von 1945, an Deutschen exerziert, Dein ägyptisches Volk, für all die von Israel, dem Hauptaggressor und Hauptkriegsverbrecher an arabischen Völkern, dem Hauptverbrecher an der Menschlichkeit im arabischen Raume, dem Verantwortlichen an den hingemordeten Muslimen, wie gesagt, daß Dein ägyptisches Volk zu büßen haben werde dafür, daß [sic!] die Frechheit besitzt auf seinem, ihm angestammten Boden überhaupt leben zu wollen.“  So ist es nur folgerichtig, dass Eichmann hoffte, das Urteil der Geschichte über ihn werde im arabischen Raum gesprochen. … Wie offen Eichmann auch gegenüber seinen vier Söhnen von seiner Freundschaft zu den Arabern geschwärmt hatte, zeigte sich 1960. Nach seiner Festnahme durch den Mossad machte sich die Familie Sorge um den zweitältesten Sohn. „Da Horst leicht erregbar war“, so heißt es im Polizeibericht, „befürchtete die Eichmann-Familie, dass er sich, wenn er vom Schicksal seines Vaters erfahren würde, den arabischen Ländern als Freiwilliger für Aktionen gegen Israel zur Verfügung stellen könnte.“

Martin Blumentritt: Adornos Schelling und Kants Refus, das Innere der Dinge zu erkennen, oder die Rebellion gegen das Ding an sich

Nach Schelling wäre ein Absolutes, das hergeleitet ist, ein Relatives und nicht absolut. Darin hatte er schon früh von Fichte sich unterschieden, bei dem das Ich sich selbst setzt, während Schelling das Ich, das da setzt, mitbedenkt: Wenn es nicht bereits existierte, könnte es auch nichts setzen. Das nimmt Sartres präreflexives cogito vorweg. So gesehen setzte ein Reflexionsmodell des Selbstbewusstseins, wie es bei Descartes oder Fichte vorliegt, eine Metabasis vom Begriff zur Existenz voraus, die dem ontologischen Gottesbeweis entspricht, den Schelling (wie Hegel auch: als vorläufigen Anfang) mit der Anschauung beginnen ließ. Adorno sah indes auch das materialistische Moment an Schelling, das oft – wie in Lukács’ Zerstörung der Vernunft – als mystisch denunziert wird.

Robert Hullot-Kentor: Moral, Ästhetik und die Wiederherstellung der öffentlichen Welt

Die Idee der Wiederherstellung der öffentlichen Welt neigt zur Rationalisierung, etwa so, wie wir uns im Rückgriff auf bessere Tage vormachen können, die Konflikte, die schließlich zur heutigen Situation geführt haben, seien unwirklich. Dennoch ist die Idee der Öffentlichkeit nicht einfach Ideologie. Und das Vorhaben, die öffentliche Welt wiederherzustellen, ist nicht ideologisch insofern, als es die Notwendigkeit fortdauernder Kritik einbezieht, die gutmachen will, was der Begriff der Öffentlichkeit bislang trügerisch versprochen hat. Wie stets sind diejenigen Möglichkeiten die allein zwingenden, die illusorische Versprechen beim Wort nehmen und sie an ihre Grenze treiben. Dienten demnach die formalen Rechte der Verschleierung von Ungleichheit, so sind sie zugleich der Boden, auf dem die Ungleichheit des Marktes demonstriert werden kann; zum Äußersten getrieben, taugen sie nicht mehr als Fassade, sondern werden zur Forderung nach substantiellen Rechten. Wäre der gleiche Tausch in Wahrheit gleich, so wäre er kein Tausch mehr, sondern die wirkliche Freiheit und Verbindlichkeit des Besonderen, die der Kapitalismus verdreht. Allerdings sind dies dialektische Gedanken, und als solche teilen sie schlechterdings das Schicksal der moralphilosophischen Reflexion. So wie diese obsolet wurde durch die unausweichliche Erfahrung der Beliebigkeit jedes einzelnen in der Ökonomie, für die niemand notwendig ist – damit kommt das hier beschriebene Drama des Offensichtlichen zum Schluss –, so ist auch das dialektische Denken, dessen einzige Quelle die unerbittliche Selbstversenkung des Gedankens in die Dynamik des Einen und des Vielen ist, archaisch geworden.

Esther Marian: „Von lauter Fraglichem, Unbekanntem umgeben“. Psychoanalyse, ästhetische Theorie, künstlerisches Ich

Man könnte Freuds ganzes Unternehmen als Entmachtung der Vaterfigur kennzeichnen, und zwar als endgültige, denn statt den Vater zu erschlagen und ihn eben dadurch wieder aufzurichten, wie es die „Urhorde“ in Totem und Tabu, in der Massenpsychologie und im Mann Moses tut , ging es ihm darum, den psychischen Mechanismus aufzulösen, auf welchem die väterliche Macht beruht, und von der Vaterreligion wirklich nichts übrigzulassen als die Psychoanalyse einerseits, die durch sie freigesetzten Triebe andererseits. Wenn er dann beinahe ängstlich darauf beharrt, er lege es nicht auf die Erniedrigung der „Großen“ an, so ist es, als fürchte er, die Vaterimago werde sich für ihre analytische Entlarvung als infantile Illusion rächen; seine Bilderstürmerei ist selbst noch befangen in dem Bildzauber, den sie zerstört. Das schlechte Gewissen, „man habe sich gegen Gott versündigt und höre nicht auf zu sündigen“ , nach Freud wesentlich identisch mit Kastrationsangst , begnügt sich mit keiner geringeren Strafe als der Auspeitschung „nach Verdienst“. Das Mittel aber, dessen sich die Vaterimago zu ihrer Rache bedient, ist die dem Götzendienst verschriebene Urhorde, welche den Revolutionär zerfleischt.

Till Gathmann: Rettung des Vaters, Erhebung gegen die Imago (Diskussion)

Gott erscheint zwar als Erneuerung und Wiederherstellung der frühkindlichen Vorstellungen des Vaters, aber diese Vorstellungen wurden ja am empirischen Vater gebildet, der weder deckungsgleich mit der gesellschaftlichen Idee des Vaters ist, noch den Imagines des Kindes, zu denen der reale Vater nach und nach in Spannung tritt. Weder Gott noch Vater gehen so in der Imago auf. Zudem kommt nun ein eminent historischer Moment zum Tragen: Der Sohn Freud, der sich von der religiösen Sphäre des Elternhauses emanzipiert hat, hat sich an die christliche Mehrheitsgesellschaft assimiliert und auf diese Weise Gott und Vater verworfen. Der Antisemitismus dieser Gesellschaft nun wendet sich gegen beide. Dies ins Bewusstsein gerückt, findet sich Freud nun auf der Seite der Götzendiener, die mit dem Pogrom drohen. Dieser Konflikt erschüttert die Apodiktik der Religionskritik des Leonardo-Aufsatzes, wie die Auflehnung gegen den Vater.

Manfred Dahlmann: Die Mechanismen der Preisbildung

Der Begriff der abstrakten Arbeit löst jedenfalls kein einziges Problem, das Sozialisten, Kommunisten oder Philosophen mit ihrer Welterklärung eventuell haben, und auch kein einziges, das der hat, der irgendjemanden dazu bewegen möchte, zum Gegner des Kapitals zu avancieren, sondern schlichtweg (und einzig) das zentrale Problem aller gern von Linken so geschmähten ‚bürgerlichen‘ Ökonomen: Denn letzteren gelingt es nicht, die von ihnen ermittelten Daten in ihr eigenes Theoriengebäude so zu integrieren, dass sich das Ganze der Ökonomie als Einheit darstellen lässt. Dieses Misslingen hat die verschiedensten Gründe; auch – allerdings eher selten – politisch-ideologische (und intellektuelle Unfähigkeit gehört am allerwenigsten dazu). Entscheidend ist, dass Marx diesen Ökonomen mit seiner Bestimmung der abstrakten Arbeit einen Vorschlag macht, wie sie ihre innertheoretischen Probleme (quasi ‚mit einem Schlag‘) lösen können. Dass sie diesen Vorschlag (obwohl ihnen bis heute kein besserer eingefallen ist) nicht aufgreifen, hat natürlich ebenfalls die verschiedensten Gründe (unter anderem den, dass auch sie, wie die Linken, den Begriff der abstrakten Arbeit revolutionstheoretisch missverstehen). Zumindest für den Ideologiekritiker sollte dieser Stellenwert der abstrakten Arbeit in der Darstellung bei Marx aber unbedingt zur Folge haben, dass er sich zur Begründung seiner Kapital-Kritik, so wenig wie auf Religion, so wenig auf diesen Begriff – wie die Kategorien der politischen Ökonomie insgesamt – positiv beziehen darf: denn deren Kritik kann, wie die der Religion, nichts weiter sein als die Voraussetzung aller Kritik. Das heißt: So wie man religiösen (und moralisierenden) Marotten früher oder später erliegt, wenn man deren Voraussetzungen nicht hinreichend reflektiert hat, reproduziert man in seinem Denken und Handeln die Ideologeme der gängigen, falschen ökonomisch-politischen Praxis, wenn man das Durchdringen ihrer Funktionsbedingungen von sich fernhält.

Gerhard Scheit: Die Substanz und der Leib. Über die Realabstraktion namens Arbeitskraft

In vollem Bewusstsein der philosophischen Tradition hat Karl Marx den Begriff der Substanz für den Wert gebraucht – aber mit derselben versteckten und kaum auszulotenden Ironie, mit der im Kapital vom „automatischen Subjekt“ gesprochen wird. Abstrakte Arbeit, also gleiche menschliche Arbeit, Verausgabung derselben menschlichen Arbeitskraft, bilde „die Substanz des Werts“.  Substanz ist jedoch, was causa sui, Ursache seiner selbst ist, und nur so sich in seinen Attributen begreifen lässt. Marx sagt also wohlgemerkt nicht, abstrakte Arbeit bilde den Inhalt des Werts: es geht offenkundig um eine Form, die sich per se der Form-Inhalt-Dialektik nicht erschließt; die nur jenseits des Inhalts auf den Begriff zu bringen wäre. Das ist der Substanzbegriff, wie ihn Marx einführt, um die Logik Hegels, deren er sich so ausgiebig bedient hat, schließlich doch zu sprengen.

Luis Liendo Espinoza: Bürgerkrieg gegen Roma in Europa 1990–2014. Eine unvollständige Chronik

Während Antiziganismus im akademischen Diskurs hoch im Kurs steht und, anders als vor 20 Jahren, Diskriminierung gegen Roma bei Menschenrechtsorganisationen zum Dauerthema geworden ist, werden die grundlegenden Tatsachen der Verfolgung dem Blick auf eigentümliche Weise entrückt. Abgesehen von wenigen Experten ist diese Geschichte, obwohl an sich relativ gut dokumentiert, als Ganzes der Öffentlichkeit so gut wie unbekannt. Folgende Dokumentation versucht zunächst die Gewalt gegen Roma durch zivile Akteure chronologisch darzustellen. Nur mit einem Satz sei erwähnt, dass die Polizeigewalt gegen Roma die hier dokumentierte Gewalt des Mobs in jeder Hinsicht übertrifft.      

Gerhard Scheit: Euromaidan und Khamenei-Putin-Pakt

Die Lage der Juden in der Ukraine ist nicht minder symptomatisch: Während sie sich im Land dem nationalistischen Fanatismus beider Seiten ausgesetzt sehen und zum Glück durch Sicherheitsexperten aus Israel für ihre Selbstverteidigung geschult werden sowie emergency assistance von der Jewish Agency erhalten, hat Israel selbst zu gewärtigen, dass der Konflikt die Position des Regimes im Iran stärken kann, dem Putins Staat nach dem Motto ‚Der Feind meines Feindes …‘ näher denn je zu rücken droht, und auf diese Weise gewinnt Teheran den Vorteil, Russland gegen die EU noch besser auszuspielen, falls das überhaupt nötig sein sollte.

Florian Markl: Bush, Obama und die europäische Ideologie

Anders als bei Bush rennt der europäische Multilateralismus bei Obama offene Türen ein. Bei ihm trifft er auf einen Präsidenten, dessen Blick auf die Vergangenheit ein Amerika zeigt, das oftmals aggressiv und bevormundend aufgetreten sei, das in seiner arroganten Orientierung an den eigenen Interessen vom Iran über Vietnam bis hin zum Irak etliche Fehlschläge und so manch regelrechtes Verbrechen produziert habe, und das heute dringend gefragt sei, seine Beziehungen zum Rest der Welt auf eine neue Grundlage zu stellen. Der beste Weg dazu sei es, die USA in die ‚internationale Gemeinschaft‘ und in multilaterale Institutionen einzubinden und so sicherzustellen, dass die amerikanische Macht im erforderlichen Maße zurück- beziehungsweise von weiteren Alleingängen abgehalten werde.

Tjark Kunstreich: Der amerikanische Blick. Stahlgewitter, D-Day, Kunstraub – zum Stand der europäischen Erinnerung

Vielmehr ist es die Liebe zum sinnlosen Schlachten selbst, das heißt zur Sinnlosigkeit, weswegen auch die deutsche Schmonzette Stalingrad vor Jahren an den Kinokassen eben nicht floppte, weil in ihr das Töten auf beiden Seiten durchaus realistisch als reine Vergeudung von Menschenleben dargestellt wurde. Eine Sache um ihrer selbst Willen tun, ist schließlich das deutsche Mantra, die Betonung von Sinnlosigkeit gehört zum guten Ton, außer wenn es um die Shoah geht, dann wird es – besinnlich.

Tobias Ebbrecht-Hartmann: Kino im Werden. Über den israelischen Film

Indem der ‚alte Nazi‘ zum (negativen) Doppelgänger der israelischen Protagonisten wird, findet eine Vertauschung von deutscher Täter- und jüdischer Opfererfahrung statt. Der Mörder der eigenen Vorfahren wird zur Projektionsfläche der Ich-Verdopplung. Er wird zum unheimlichen Doppelgänger, nach Freud zu einer Art Ich-Instanz, „die der Selbstbeobachtung und Selbstkritik dient … und unserem Bewußtsein als ‚Gewissen‘ bekannt wird.“ Der Wiederholungszwang wird also gleichsam stellvertretend adaptiert. Das fehlende Schuldgefühl der Deutschen wird zum sekundären Schuldgefühl der dritten Generation in Israel. Dafür stehen die gespenstischen Nazifiguren im israelischen Kino.

Christoph Hesse/Doron Rabinovici/Gerhard Scheit: Der Letzte der Ungerechten. Eine Diskussion zum Werk Claude Lanzmanns

Doron Rabinovici: Jetzt kann man darüber diskutieren, wie der eine und wie der andere gehandelt hat, und man kann darüber diskutieren, was es für Strategien des Überlebens gab, und wie sie alle scheiterten, wie sie alle scheiterten, weil eben Millionen umgebracht worden sind. Das Erstaunliche ist, dass das Scheitern nicht die Schuld der Ermordeten oder der Überlebenden ist. Und einer der entscheidenden Vorwürfe, die ja auch hier im Film durchscheinen, ist … Murmelstein wird letztlich vorgeworfen, dass er nicht tot ist. Das heißt, auch in der anti-nazistischen Sicht wirkt das Verdikt der Nazis durch: „Nur der tote Jude ist der gute Jude.“ Nur das perfekte Opfer wird von uns Anti-Nazisten, Anti-Nazis, Antifaschisten wirklich als wertvoll erachtet. An dem können wir sehen, was passiert ist. Wenn jemand überlebt hat, dann stimmte irgendwas nicht, und deswegen bekamen auch die sowjetischen Gefangenen in den Lagern, die überlebt hatten, zunächst einmal einen Prozess, weil man sie gefragt hat, „Wie war’s denn eigentlich möglich, dass ihr überlebt habt?“

Florian Ruttner: Relieving the Chairborne Division. Über die Kritische Theorie beim OSS und ihre Kritiker

Einige dieser Berichte sind schon seit längerer Zeit aus den Archiven des OSS, das nach dem Zweiten Weltkrieg aufgelöst wurde, ausgehoben und publiziert worden, etwa in den Feindanalysen, die einige Texte Marcuses versammeln, oder auch in den Studien Alfons Söllners. Nun erschien ein weiterer Sammelband, angesichts dessen nicht nur Jeffrey Herfs Vorwurf, dass die Kritische Theorie sich nicht mit historischem Material abgegeben habe, entkräftet werden kann; es lässt sich daran auch zeigen, warum die Theoretiker von der Sache selbst getrieben wurden, die allgemeine, moderne Seite des Nationalsozialismus zuungunsten einer historischen ‚Sonderwegsdarstellung‘ zu betonen; und schließlich wäre anhand der neuen Publikation darzutun, wo tatsächlich die Probleme dieser Analysen liegen.

Klaus Thörner: Von Schlafwandlern und Weißwäschern

So finden sich trotz aller Dementis doch Hauptverantwortliche für den Ersten Weltkrieg. Deutsche sind keine darunter. Entgegen der antifranzösischen und antibritischen Lesart von Cora Stephan lastet Clark Serbien die Hauptschuld auf. Das ganze erste Kapitel seines Buches bis Seite 99 widmet er der angeblichen serbischen Mordlust. Seit Srebrenica und der Belagerung Sarajevos im Bosnienkrieg der 1990er Jahre falle es ihm schwer, Serbien als reines Opfer der Großmachtpolitik zu sehen. Stattdessen könne man sich den serbischen Nationalismus nun leichter als eigene historische Kraft vorstellen. So ist es kein Zufall, dass Clark seine Darstellung mit der Ermordung des serbischen Königspaares durch revoltierende Offiziere im Juni 1903 beginnen lässt und dabei keines der grausamsten Details ausspart.

Joel Naber: Masse Macht Humor. Über Dieudonné, die Attraktion der Barbarei und die Einsamkeit ihrer Gegner

Was ist so besonders an Dieudonné? Vielleicht ist gar nichts Besonderes an ihm, besonders und phänomenal ist allein sein Erfolg, sein Massenappeal. Dafür darf man ja gerade nichts Besonderes an sich haben, das Besondere ist ja das, was gehasst wird. Indem man das Banale bewundert – die banale Gewalt, den banalen Hass, die banale Verleugnung, das banale Nichtwissenwollen – und ihm gehorcht, rächt man sich am Besonderen. Dieses verbreitete Ressentiment machen die Faschisten sich zunutze und schaffen damit ihre furchtbaren Fakten, die Gewalt, die sich das Besondere aneignen will, indem sie es vernichtet.

Gerhard Scheit: Über die Wut, die sich als Demut gefällt, und den Zorn, der zur Kritik gehört

Die Wut ist also nur der Selbsthass oder die Selbstverleugnung des Subjekts (das man schon in marxistischer Tradition auf das bürgerliche festzulegen pflegte). Sie findet sich darum nicht selten als Demut vergoldet. Und an die Stelle der Kritik tritt das bloße Distinktionsbedürfnis, dem die deutsche Linke – vor deren unbegrenzten Zumutungen es einen ekeln muss, selbst wenn man ihre Ideologie zu kritisieren nicht mehr imstande ist – ausreichend und unablässig Nahrung bietet.