sans phrase - Zeitschrift für Ideologiekritik

Heft 03, Herbst 2013

Tjark Kunstreich/Joel Naber: Die Aufgabe der Emanzipation. Zum Aufstand der zweiten Natur gegen die mariage pour tous

Was die Gegner der Ehe für alle als zentrales Argument anführen, ist die durch die Ehe gegebene Möglichkeit auch für homosexuelle Paare, Kinder zu adoptieren, und darüber hinaus eben auch wie heterosexuelle Paare auf die medizinischen und rechtlichen Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung, der Samenspende usw. zurückzugreifen. Was bei den betroffenen heterosexuellen Paaren jedoch nur noch wenig Protest hervorruft, wird bei den Homosexuellen zum Skandal und zum Generalangriff auf die Natur. Indem die Gegner der Ehe für alle diesen Nexus herstellen zwischen der Vorstellung, dass Homosexuelle heiraten können, und dem Schrecken, der von vielen mit dem medizinischen und technischen Fortschritt verknüpft wird, und indem sie damit den durch die Heirat Homosexueller drohenden Schrecken vor dem endgültigen Verlust alles wahrhaft Menschlichen und Sicherheit gewährenden im Leben beschwören, legen sie zugleich die Sehnsüchte der Mitte nach gesellschaftlichem Stillstand bloß. Dieser Stillstand wird als natürlicher Urgrund des Staats wie der Familie vorgestellt. Dass Staat und Familie gesellschaftlich hervorgebrachte und daher im vollen Wortsinn künstliche Institutionen sind, dieser Gedanke ruft Unbehagen hervor. An der Öffnung der Ehe für Homosexuelle bricht sich dieses Unbehagen eine neue Bahn.

Manfred Dahlmann: „Der Mensch ist antinomisch geschaffen“. Wissenschaftslogik und Politik bei Hermann Broch

Der Einzelne kann seiner Einsamkeit nicht entgehen; um sie abzuwehren, begibt er sich in einen „Dämmerungszustand“, der ihn wie einen Schlafwandler reagieren und agieren lässt. Verhindern aber kann er nicht, dass Ereignisse eintreten, die ihn aus dieser Dämmerung herausholen und ihn erfahren lassen, dass er ein Ich hat, das ihn zu einem besonderen Individuum, mit seinen eigenen Erfahrungen macht. Entscheidend für Broch ist – und daraus bestimmt sich für ihn das, was den Wahn definiert –, wie das Ich auf diese Erkenntnis reagiert. Greift es dann zu Drogen oder Hitler, oder gerät es in Panik, um sich der nächstbesten Masse einzuordnen, dann verfällt es dem Wahn.

Florian Ruttner: Schlafwandler und gebrochener Zombie. Autoritärer Charakter und bürgerliche Subjektivität bei Hermann Broch und Boualem Sansal

Wird bei Broch das traumhafte, irrationale Moment immer stärker, schlafen die Schlafwandler also immer tiefer und sind sich ihres Schlafwandelns immer weniger bewusst, so beschreibt Sansal gewissermaßen das Aufwachen – und welche Leiden mit diesem prekären Prozess verbunden sind. Das Individuum wird sich bei ihm seiner erst gewahr und sieht sich einer bedrohlichen Welt gegenüber. Dabei gelingt es Sansal, Elemente des autoritären Charakters gegen diesen zu wenden: Momente der beschädigten Charaktere, die sowohl Rachel als angepasster Businessman als auch Malrich als islamistischer Mitläufer sind, werden durch den Schock, den die Konfrontation mit der Vergangenheit des Vaters auslöst, plötzlich zu aufklärerischen Impulsen. Sansal seziert den autoritären Charakter und benutzt dessen Teile als künstlerisches Material.

Philipp Lenhard: Liebe als Einspruch. Nadeem Aslams Porträts islamischer Gesellschaften

Die stärkste These Aslams, die auch in seinen anderen Büchern präsent ist, lautet: So totalitär und buchstäblich wahnsinnig die Verhältnisse auch sein mögen – wo Liebe ist, da gibt es noch Hoffnung, weil die Liebe an die Existenz von Individuen gekoppelt ist. Das Individuum ist, trotz seiner mit Gewalt und Unterdrückung verbundenen historischen Genese, eine Gestalt ganz eigener Dignität, eine Form des Menschseins, die im Widerspruch zur Unfreiheit steht und auf das Bessere verweist, dessen Einlösung immer noch aussteht. Individuum zu sein, kann man sich nicht aussuchen, aber es bedarf in schlechten Verhältnissen der permanenten Anstrengung, es zu bleiben. Insofern ist auch die Liebe nicht nur ein Gefühl, sondern ein Verhalten, gesellschaftliche Praxis. Sie ist sowohl Rückzug ins Private, Dissoziation von der Öffentlichkeit, als auch eine positive Entgrenzung des Ich, das seine beschränkte Hülle im Schutz der Zweisamkeit transzendiert, und sich gerade darin als Individuum, das nach Glück sucht, erhalten kann.

Niklaas Machunsky: Zeit und Ort der Gesellschaftskritik. Über den Umschlag der Utopie in Dystopie

Filme wie Equilibrium, Aeon Flux oder V wie Vendetta, die sich noch an 1984 orientieren, verharmlosen die Gefahr der Rackets, Banden und Bewegungen für die direkte Demokratie. Ihr ideologisches Rüstzeug holen sich diese kleinen Brüder von Big Brother aus eben jenen Filmen, wobei insbesondere der Film V wie Vendetta heraussticht. In diesem von den Wachowski-Geschwistern, die auch schon für die Matrix-Filmtrilogie verantwortlich zeichneten, geschriebenen und produzierten Film sprengt am Ende der Führer der Wutbürger das Parlament in die Luft. Die Maske, die das aufgebrachte Volk in dem Film trägt, um sich vor dem totalitären Staat zu anonymisieren, ist das Markenzeichen von Anonymous geworden.

Dirk Braunstein: Recht hat Shylock. Der Jude fast als Bürger in Shakespeares The Merchant of Venice

Der systematische Charakter des Rechts lässt kein Nichtidentisches zu, und Shylock bekommt dies zu spüren. Wenn es eine Verbindung gibt von der Behandlung des Juden Shylock zu den Nürnberger Gesetzen, dann ist sie nicht simpel im ‚Antisemitismus überhaupt‘ zu suchen, sondern in der überindividuellen Systematik des Rechts, das sich genau deshalb als Instrument jeglichen Unrechts benutzen lässt. Shylocks Untergang, der mit seinem ersten Auftritt im Stück beginnt, muss, damit alles seine gute Ordnung habe, vor Gericht lediglich formaljuristisch einwandfrei entschieden werden. Kein himmelschreiendes Unrecht, das nicht seine eigene Legitimität nach sich zöge. Haben die Autoren der Dialektik der Aufklärung noch die „Unmöglichkeit, aus der Vernunft ein grundsätzliches Argument gegen den Mord vorzubringen“, beklagt, bewiesen die Deutschen derweil, dass die Vernunft sich gleichwohl als Rechtfertigungsideologie in den Dienst nehmen lässt, um gute Gründe dafür zu konstruieren.

Esther Marian: Zur Kritik des Marxismus. Manès Sperbers Analyse der Tyrannis

Erst 1943, als er von der Vernichtung der Juden erfuhr, verlor Sperber endgültig seinen Geschichtsoptimismus und sein Vertrauen in die Massen, das ihn bis dahin daran gehindert hatte, mit Deutschland und Österreich zu brechen. Doch schon in der Analyse der Tyrannis ist der Optimismus zurückgenommen. Die Beteuerung „Denn wir sind Optimisten“ ist kaum mehr als ein hoffnungsloser Versuch, sich Mut einzureden, und wird zudem relativiert durch die Betonung der Grenzen der Psychologie und der Aussichtslosigkeit des ganzen Unterfangens. Wenn Sperber dann bekennt: „Wir vermögen nicht, die soziologischen Voraussetzungen der Tyrannis zu geben“, so ist dies nicht nur ein Eingeständnis einer theoretischen und historischen Niederlage, sondern es äußert sich darin auch ein Widerwille gegen jenen wissenschaftlichen Sozialismus, der alles erklären kann, weil er sich als unzweifelhafter Sieger der Geschichte wähnt.

Renate Göllner: Wer wählt die Neurose? Wiederkehr der Psychoanalyse in der Existenzphilosophie Jean-Paul Sartres (Teil II)

Der Idiot der Familie liest sich passagenweise wie eine ins Unermessliche angewachsene Krankengeschichte im Sinne Freuds, durchaus vergleichbar dessen Darstellungen von Dostojewski und die Vatertötung sowie der Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. Während aber Das Sein und das Nichts durch die Abwesenheit des Vaters charakterisiert ist, wie man mit der Ironie der Wörter sagen könnte, steht die Flaubert-Studie im Zeichen des Gesetzes und der ödipalen Konstellation; sichtbar und nachvollziehbar durch die minutiöse Darstellung und Analyse der komplexen frühkindlichen Erfahrungen, deren Konflikte und Ambivalenzen, die aber ebenso durch Flauberts gesellschaftliche Bedingtheit sichtbar werden.

Till Gathmann: Der Fall Beuys. Analer Charakter und Werkkrise: Bundesrepublik Deutschland

Der Souverän, der Beuys vorschwebt und den er zugleich verkörpern will, zeigt sich als der ins präödipale regredierte Narzisst, dessen Hochgefühl, wie auch dessen Wut sich gegen das Allgemeine (die Norm beziehungsweise das Gesetz, den Vater, die Vernunft) richtet. Das ist die psychoökonomische Grundlage der „Entscheidung“, die „die Norm“ mit der „Ausnahme“ herausfordert und in ihr klingt der Wunsch mit, die Mutter gegen den Vater wiederzugewinnen. Das ganze Geheimnis des Christus-Impulses liegt nun auf der Hand: Die Phantasie des Gottessohns als Wunder der unbefleckten Empfängnis. Die Phantasie Steiners, die den inzestuösen Wunsch im Mythos verschlüsselt, dient Beuys so zur esoterischen Aufhebung der Megalomanie Hitlers, an der er teil hatte. Die Phantasie des Christus-Impulses schützte ihn auf diese Weise vor narzisstischer Kränkung des Objektverlusts nach 1945, allerdings um den Preis der Introversion.

Gerhard Scheit: Verdrängung der Gewalt, Engagement gegen den Tod (Teil II)

Kojèves Vorlesungen über Hegel versuchten nichts anderes, als eben die Verdrängung der Gewalt zurückzunehmen – durch Rekurs auf das Herr-Knecht-Kapitel der Phänomenologie des Geistes. An die Stelle der Gemeinschaft, als Vernichtung um ihrer selbst willen, setzte er die Vernichtung der Herren durch die Knechte im Endkampf, welcher freilich kein Ende macht mit dem Sein zum Tode, mit der Herrschaft selber. Wenn der Knecht das Element des gewaltsamen Todes in sich aufgenommen und den Herrn vernichtet hat, tritt wohl ein Zustand ein, der sich nur noch mit Heideggerschen Kategorien beschreiben lässt, wovor aber Kojève aus irgendeiner Intuition heraus zurückschreckt. Sein zum Tode findet sich in seiner Hegel-Lektüre als gewaltsamer Tod jedenfalls nur scheinbar politisch konkretisiert, der Akzent wird auch bei ihm bloß darum auf tödliche Gewalt gelegt, damit von der Form der Herrschaft, der die Drohung mit ihr zugrunde liegt, abstrahiert werden kann.

Manfred Dahlmann: Das Geld und seine Wissenschaft

Den Beweis zu führen, dass der Marxsche Maßstab ökonomischer Prozesse dem der Ökonomen (also dem Preis) überlegen ist, und nicht nur das: sondern er notwendig ist, um das Kapital in der historischen Besonderheit seiner Existenz überhaupt begreifen zu können, ist alles andere als einfach – das kann auch anders nicht sein, denn sonst bliebe unerklärlich, warum er so gut wie nirgendwo Beachtung findet. Um diese Schwierigkeit in den Griff zu bekommen, sei der Versuch unternommen, die Richtung in der Darstellung, die Marx, wenn auch aus sehr guten Gründen, im Kapital gewählt hat, in gewisser Weise umzukehren, indem wir mit der Darstellung des ökonomischen Systems als Ganzem beginnen. Von diesem ausgehend sei dann, je nach Notwendigkeit in der Sache, zum Abstrakten vorgedrungen, auf dem das System aufbaut: den zur zweiten Natur erhobenen Begriffen Geld, Staat, Recht usw. im Allgemeinen; Markt, Konkurrenz, Wachstum, Produktivität, Krise und Kapital usw. im Besonderen. Es wird sich bei diesem Vorgehen herausstellen, dass sich die Unlösbarkeit der allermeisten ‚Unzulänglichkeiten‘ des Systems, wie sie in der Öffentlichkeit verhandelt werden, darstellen lässt, ohne dabei auch schon auf den Marxschen Maßstab zurückgreifen zu müssen. Denn, und daran schon scheitern alle Ökonomen: das Ganze der Ökonomie lässt sich – gegen allem ersten Anschein – analytisch eben nicht aus dem Verhalten seiner Teile (oder Elemente) erschließen (oder auch umgekehrt: das Verhalten der Teile nicht aus der Existenz des Ganzen), mit welchem Maß auch immer man misst, mit welchen Methoden und Definitionen auch immer man vorgeht.

Stephan Grigat: Frühling für Iran-Appeaser. Der westliche Wille zum Verhandeln mit Hassan Rohani und die Restabilisierung des iranischen Regimes

Tatsächlich handelt es sich bei den Pasdaran um keine staatliche Institution im klassischen Verständnis, sondern, ganz im Sinne eines „Doppelstaates“, um eine revolutionäre Streitmacht, die neben der regulären staatlichen Armee agiert und sich in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Wirtschaftskonglomerate des Landes gemausert hat. Als revolutionäre Institution habe sie sich in den Augen Sharifs keineswegs nur um militärische Belange zu kümmern. Khomeini habe ihre „Pflicht, die Revolution zu verteidigen“, die auch in der iranischen Verfassung festgeschrieben ist, nicht auf „bestimmte Bedrohungen oder Bereiche“ beschränkt, woraus sich die Legitimität der Einflussnahme in sämtlichen gesellschaftlichen Belangen und Institutionen ergäbe. Sharif erklärt zwar die Bereitschaft der Revolutionswächter, die neue Administration ebenso zu unterstützen wie alle bisherigen, lässt allerdings sehr deutlich durchblicken, was er von einer Zurückdrängung des Einflusses der Pasdaran im ökonomischen Sektor hält: nämlich gar nichts.

Florian Markl: Fürchtet Gott, aber nicht mehr die USA. Über die Selbstdemontage des Hegemons in der Syrien-Frage

In den wenigen Wochen zwischen den Giftgasangriffen vom 21. August und dem Sicherheitsratsbeschluss am 27. September erreichte die Selbstdemontage der USA unter Präsident Obama einen neuen Höhepunkt. Dramatisch ist nicht nur der weitgehend selbstverschuldete amerikanische Einflussverlust, Resultat einer Politik, in der Verbündete fallen gelassen, unter Druck gesetzt, bloßgestellt oder vor den Kopf gestoßen werden, während Widersacher und Feinde dagegen umworben und gestärkt werden. Dramatisch ist auch, wie realitätsfremd Obama dieses Desaster als Erfolg betrachtet, wenn er beispielsweise in seiner Rede vor der UN-Generalversammlung im September 2013 allen Ernstes behauptet, dank der Arbeit seiner Regierung sei die Welt heute ein stabilerer Ort als vor fünf Jahren.

Andreas Benl: Lamento und Djihad. Über den neuen Verrat der Intellektuellen

Antisemitismus und Kulturrelativismus entspringen demselben Impuls zur theoretischen und in der Konsequenz praktischen Willkür, dem Drang nach totaler Herrschaft über die Objekte und die Menschen, die von keinem empirischen, geschweige denn kritischen Einspruch aufgehalten wird. Indem die Kulturrelativisten aus dem Nationalsozialismus eine „Variante des abendländischen Rassismus zum internen Gebrauch“ machten, anstatt ihn als barbarische Liquidierung der Widersprüche des bürgerlichen Liberalismus zu kritisieren, wurden sie selbst zu Komplizen seiner Verdrängung. Es ist heute eindeutiger denn je, dass die westlichen Islamdebatten wenig bis gar nichts mit den Problemen von Einwanderern aus sogenannten islamischen Ländern zu tun haben, dafür sehr viel mit den Identitätsproblemen der hiesigen Mehrheitsbevölkerung.

Alex Gruber: Platonismus vs. Gegensouverän. Zur neokonservativen und zur postmodernen Spinozalektüre

Das Anliegen von Strauss’ politischer Philosophie ist die Rettung der Ideale und Versprechungen des Liberalismus vor der im Liberalismus selbst angelegten Regression, die er in Carl Schmitt und Martin Heidegger präzise ausmacht. Es geht ihm um die Rettung der Vernunft, für die er einen Punkt jenseits der Vernunft braucht, damit diese nicht in sich selbst leerläuft. Weil dies Strauss dazu bringt, den Widerstreit zwischen Vernunft und Offenbarung, zwischen Immanenz und Transzendenz als unentscheidbar zu betrachten, kritisiert er jeden Versuch, diesen Widerstreit zu eliminieren, indem er auf einen gemeinsamen Urgrund, ein Sein etwa, zurückgeführt wird, als erschlichene Lösung, die Teil des Problems und nicht dessen Lösung sei.

Gerhard Scheit: Die Misere von Herzinger & Posener: proisraelische Staatsräson, antiisraelische EU-Politik

Ein Neokonservativer, sagte Irving Kristol einmal, sei ein Liberaler, „who has been mugged by reality“. Dem Welt-Journalisten scheint etwas von dieser Realität im mugging fanatisierter Nichtraucher zu dämmern. Nicht zufällig aber schließt Herzinger seine scharfe Polemik gegen die „Gesundheitsmenschen“ mit der biederen Pointe, es könne noch so weit kommen, dass „selbst das lebende Denkmal Helmut Schmidt … bald seine letzte Mentholzigarette ausdrücken muss“. Und nicht zufällig beginnt er seine im Übrigen ganz richtige Beurteilung von Obamas Politik nach dem syrischen Giftgaseinsatz vom 21. August 2013 wie ein Kabarettprogramm: „Barack Obama ist als Tiger gesprungen und landet als Bettvorleger.“ In Deutschland und Österreich ernsthaft neokonservativ zu sein, ist mit einiger Konsequenz eben doch nur in der Gestalt des Humoristen möglich.

Christian Thalmaier: „Adorno denkt anders“. Kritik und Autorität

Es ist aber nicht das „Antlitz der Menschheit, die es noch gar nicht gibt“, das hier leuchtet, sondern das Dämmerlicht einer Melancholie, die zwischen elegisch verspielter Todessehnsucht und losgelassener Verachtung oszilliert und den Grundton auch vieler anderer Texte Klaues bestimmt. Denn die Perspektive, aus der allein betrachtet werden könnte, wie das Meer das Antlitz der Menschheit wegspült, bedarf des Poetenhügels, auf dem der müde gewordene Kritiker am Tag danach den Tod der Menschheit beklagt und doch in wohliger Erschöpfung ihren endgültigen Rückgang in nichts als Natur feiert. Zu Unrecht wähnt sich der kritische Poet in dieser Position dem Kinde nahe, das vielleicht wirklich einmal intentionslos jenes Bild in den Sand zeichnete, und führt dessen Hand in gesteigerter Nachträglichkeit aus dem freien Spiel der im Kind erwachenden Erkenntniskräfte in das Gehäuse der erwachsenen Metapher.

Interview mit Ágnes Heller: Vom alten zum neuen Ungarn oder: Georg Lukács und die Frage der Vermittlung

Was man auch immer über diese Konzeption denkt, Lukács hat aber doch in Geschichte und Klassenbewußtsein einen Schritt in der Philosophie gemacht, das heißt, die empirische und die transzendentale Ebene als verschiedene Ebenen dargestellt. Das ist ein wirklich philosophischer Punkt. Ich würde im Ganzen nicht einverstanden sein mit diesem Buch, aber es ist eine Philosophie und wenn man über Marxsche Kritik nachdenkt, dann sollte man doch zu Geschichte und Klassenbewußtsein greifen. Aber Lukács hat Selbstkritik geübt. Jemand sagte ihm, dass Lenin dieses Buch nicht gefallen hat – und was Lenin nicht gefalle, das könne nicht gut sein. Einmal sagt doch Heidegger in Sein und Zeit, dass so ein „authentischer Mensch“ seinen Helden wählt. Na, Lukács hat seinen Helden gewählt. Das hatte überhaupt nichts zu tun mit Lenin, wie er empirisch existiert hat, das ist ein transzendentaler Lenin gewesen, den er gewählt hat. Er hat überhaupt nicht hingehört, wenn man darüber sprach, was der empirisch existierende Lenin doch eben machte und was für Ideen er hatte.

Interview mit Karl Pfeifer: Eingeschlossen in der heiligen Stephanskrone

Die Wirtschaftspolitik ist total verrückt, aber das geschieht nicht zufällig. Das wird in den Medien, die die Linken noch haben, viel diskutiert – und das sind nicht mehr viele, aber das ist ein anderes Problem. Doch bislang arbeitet dieses System nicht wie eine faschistische Diktatur. Es gründet auf Einschüchterung und massiver Desinformation, aber noch wird keiner wegen seiner Meinung verhaftet. Allerdings wurden Leute aus dem früheren Sicherheitsapparat der Spionage beschuldigt und vor ein Militärgericht gebracht, was ein Zeichen dafür sein kann, dass man plant, zu einem autoritären System überzugehen.

Ágnes Heller: Die Unlösbarkeit der „Judenfrage“

Badiou ist ein typisches Beispiel für diesen neuen Antisemitismus. In seiner aus Maoismus, Platonismus und Politikfeindlichkeit zusammengebastelten Philosophie gelten die Hisbollah und die Hamas als Verkörperungen von Zukunftshoffnungen. Bekannt ist auch, dass Günter Grass, der mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde (auch wenn er seit Jahrzehnten keine nennenswerten Texte produziert), Israel als die wichtigste Quelle der Kriegsgefahr ansieht. Gianni Vattimo, der vor kurzem noch als Abgeordneter im Europaparlament saß, greift in Interviews Israel mit unverschleierten antisemitischen Obertönen an. Es mag aber weniger bekannt sein, dass die Hauptattraktion der Berliner Biennale 2012 ein künstlerisch bedeutungsloses Ausstellungsobjekt war, der sogenannte Key of Return, ein uninteressanter, doch politisch umso wirkungsvollerer riesiger Gegenstand, der in einem palästinensischen ,Flüchtlingslager‘ namens Aida hergestellt wurde, um mehr als ein Monat lang nach Berlin transportiert zu werden. Key of Return symbolisierte die ,Rückeroberung‘ des gesamten israelischen Staatsgebietes. Werner Fleischer berichtete in seinem Artikel in der Zeitschrift sans phrase (1/2012) von der brieflichen Solidaritätsbekundung der Ausstellungsteilnehmer mit Günter Grass. ‚Kulturkritische‘ Bewegungen gab es auch schon früher, welche mit Parolen wie „Lasst uns die Museen vernichten!“ oder „Weg mit Kunst als Ware!“ mobilisierten und manchmal auch gute zeitgemäße Werke förderten, sie verbanden sich jedoch mit keinerlei Antisemitismus, mit keinerlei Rassismus, geschweige denn mit Israelfeindlichkeit. Was ist denn geschehen?