Felix Brandner

Felix Brandner

»Ich meine, bei Adorno ist das Erkenntnisvermögen nur noch dazu gut, an sich selbst Kritik zu üben, sich selbst zu Grabe zu tragen«

Über Ideologiekritik und Politik in den Schriften Alfred Sohn-Rethels

Heft 26, Winter 2025/26 Essay

Um dieser Spaltung im Denken Sohn-Rethels auf die Schliche zu kommen, braucht man nicht lange auf die Suche nach dem missing link zu gehen, weil es ihn nicht gibt: sie begründet sich durch das unbedingte Festhalten Sohn-Rethels an der marxistischen Revolutionstheorie, aus dem sein Versuch resultiert, die negative Dialektik mit der positiven Philosophie des Marxismus, die Ideologiekritik mit der Politik zusammenzubiegen. Wollte man diese Haltung auf eine Formel bringen, so müsste man sagen, dass Sohn-Rethel den seinem Denken eigenen Negativismus und die aus ihm resultierende Nötigung zur philosophischen Reflexion auf die materialistische Kritik durch die zwanghafte Treue zu den Marxschen Thesen über Feuerbach dogmatisch negierte, um den Marxismus als Negation der Philosophie um jeden Preis – und sei er zuletzt das kritische Denken selbst – ins Recht setzen zu können. Für Sohn-Rethel gilt also je beides: Zum einen ist ohne ihn die Kritik der marxistischen Politik und die Kritik der alten und neuen Marx-Lektüre undenkbar, zum anderen blieb dieses kritische Potential bei ihm selbst bloßes Postulat, weil er die Negativität seines Denkens im Namen der Praxis und zugunsten von immer wieder neuen Identifikationen mit der marxistischen Bewegung an die positive Philosophie verschleuderte.

Felix Brandner

»Unseren Lenin haben wir nicht mehr, einen zweiten Lenin gibt es in der Welt nicht«

Georg Lukács und der Bolschewismus

Heft 25, Frühjahr 2025 Essay

Am Ende seiner Besprechung Georg Lukács, der erste marxistische Theologe hält Aaron Steinberg den Konflikt fest, mit dem Lukács im Anschluss an Geschichte und Klassenbewusstsein konfrontiert war: was tun, wenn sich die Beschwörung jenes allgemeinen und durch die Partei angeblich immer schon verkörperten Willens des Proletariats gegen ihren eigenen Theoretiker wendet? Im Ganzen bleiben zwei Möglichkeiten: Entweder kündigt Lukács die selbstverordnete Logik absoluter Parteilichkeit gegenüber der Partei zugunsten des kritischen Impulses auf oder er wird zwischen Parteistandpunkt und Revision zermalmt. Wie Lukács sich entscheiden sollte, konnte Steinberg zum Zeitpunkt der Abfassung seiner Überlegungen im Sommer 1924 noch nicht wissen. Nachhaltig beeindruckend an Steinbergs Besprechung ist darum, wie früh er die Bedeutung von Geschichte und Klassenbewusstsein für eine philosophische Grundlegung der Politik Lenins wahrzunehmen vermochte und wie gut es ihm dabei zugleich gelang, die Kritik zu antizipieren, die auch Lukács selbst als Konsequenz seiner eigenen Gedanken entgegenschlagen sollte, nachdem der Leninismus sich als einheitliche Weltanschauung des Bolschewismus konsolidiert hatte. Die Rede der Neuen Linken von der vielbeschworenen Gegentradition des ›westlichen Marxismus‹, als dessen Gründungsdokument Lukács’ Geschichte und Klassenbewusstsein gilt, macht allzu leicht vergessen, dass der Fluchtpunkt von Lukács’ Überlegungen aller philosophischen Häresie zum Trotz immer Moskau geblieben ist: seine philosophische Reformulierung des Marxismus durch die Rückbesinnung auf die Schriften von Marx und des deutschen Idealismus sind auch die theoretische Grundlegung des Leninismus.

Felix Brandner

Vernunft und »Einzelwahnsinn«

Einige Überlegungen zum Verhältnis von Bewegung und Einsamkeit anlässlich Klaus Bittermanns Deutung der Biographie Wolfgang Pohrts

Heft 20, Sommer 2022 Essay

Hinter der Konstruktion der Biographie Pohrts im Spannungsfeld von Bewegung und Einsamkeit, genauer: seiner Deutung der Person Pohrts als Solitär und einsamer Parteigänger der Vernunft, steht also ein Faszinosum Bittermanns. In der Biographie Pohrts legt dieser auch seine eigenen Erfahrungen offen, weshalb sie zur Typologie gerinnt. Gänzlich von der Hand zu weisen ist diese Erklärung für Bittermanns Wahl der Darstellung nicht, wenn man einen Blick ins Verlagsprogramm der Edition Tiamat wirft, in dem sich ein ganzer Haufen von Störenfrieden, Außenseitern und Querulanten tummelt. Sie gewinnt sogar eine gewisse Plausibilität, wenn man die Beobachtung einmal macht, dass Bittermann in seiner Darstellung der Biographie Pohrts intellektuelle Unruhestifter wie Henryk M. Broder, Eike Geisel und Christian Schultz-Gerstein eine besonders hervorgehobene Rolle zuspricht – und eben diese Autoren auch in seiner eigenen, verlegerischen Autobiographie, Einige meiner besten Freunde und Feinde, porträtiert. Hier ist also Sympathie am Werk und nicht der wissenschaftliche Wille zur unbedingten Präzision.

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