Heft 26, Winter 2025/26

Parataxis

Danyal Casar

Von Todtnauberg nach Teheran

Über die Krise der Moderne, das islamische Erwachen und die Aussichten auf ein baldiges Ende der khomeinistischen Despotie

Das europäische Geraune vom drohenden Chaos, das dem Fall der despotischen Attrappe einer Islamischen Republik folge, täuscht darüber, dass in einem totalitären Regime eine sanfte politische Transformation durch eine Demokratiebewegung nahezu unmöglich ist. Jeder weitere Massenprotest, der für das Regime ähnlich bedrohlich werden würde wie »Rising Lion«, würde Abertausende Tote unter den Revolutionären einfordern – darüber kann man sich spätestens seit November 2019 nicht mehr täuschen. Die Tötung von zentralen Figuren der khomeinistischen Repressionsmaschinerie und die Destruktion ihrer Kommandozentralen sind im Interesse aller Oppositionellen. Und doch ist es ein schmaler Grat zwischen konkretem Beistand und tragischem Verlust von Leben. Die paranoide Fahndung nach »Kollaborateuren Israels« ist das Eingeständnis eines Regimes, dessen Säulen nach und nach zertrümmert werden: 1. Der drastische Schwund ideologischer Domination ist seit spätestens 2009 nicht mehr zu leugnen. 2. Die entgrenzte Präpotenz des Regimes schwand mit der Tötung von Hassan Nasrallah, der Lähmung der Hisbollah und der Leichenstarre des syrischen Al-Baʾth-Regimes. 3. Das militärische Drohpotential des Regimes wurde durch die israelische Militärkampagne »Rising Lion« immens geschwächt.

Gerhard Scheit / Philip Zahner

Abdankung des amerikanischen Welthegemons?

Ein imaginäres Gespräch anlässlich der zweiten Amtszeit von Donald Trump

Trump scheint gerade aufgrund seiner besonderen persönlichen Eigenschaften die ideale Charaktermaske für eine Weltmacht darzustellen, die mit sich am Hadern ist, ob sie ihre Rolle als Hegemon weiter erfüllen möchte und kann. Im Zickzackkurs der aktuellen Administration scheint der antinomische Charakter der Politik vor dem Hintergrund der innen- und außenpolitischen Ausgangsbedingungen in den USA gewissermaßen zu sich selbst zu kommen.

Der Begriff der Charaktermaske ist nun hier in jeder Hinsicht ein zweischneidiges Schwert, vom marxistischen Jargon geerbt. Kaum jemand, der von ihr im politischen Zusammenhang so nonchalant oder gar vollmundig und wütend spricht, merkt, dass er damit – direkt oder indirekt – die Frage der Gewalt aufwirft und womöglich insgeheim bereits beantwortet hat.Die ›Verrücktheit‹ einschließlich ihrer autoritären beziehungsweise antiautoritären Züge, die sich nun bei Trumps politischem Handeln zeigt, ist ja auch als Charakter beziehungsweise Physiognomie betrachtet etwas völlig anderes als die von Hitler. Es scheint offenbar nicht der Rede wert, dass Trumps Charakter gewisser Elemente einer totalisierbaren pathischen Projektion ermangelt, und dass, wenn von Verrücktheit gesprochen werden kann, das damit Gemeinte in diesem Fall vielleicht nicht ganz zufällig auch der Anstrengung zugutezukommen vermag, jene Einheit der Souveränität noch herzustellen, konkreter gesagt: Souveränität unter den Bedingungen einer auf dem Weltmarkt basierenden Hegemonie, die Israel zu existieren praktisch ermöglicht, worüber in Deutschland nur als einem Recht geschwafelt wird. Mit anderen Worten und auf ein Joachim Bruhn so wichtiges Thema zugespitzt: Georg Elsers Attentat auf Hitler, wenn es nicht misslungen wäre, hätte dazu führen können, dass der Vernichtungsfeldzug gegen die Juden abgebrochen worden wäre, während – wie man heute sagen muss – das Attentat auf Trump, wäre es gelungen, den jüdischen Staat einer der möglichen Voraussetzungen beraubt haben würde, die Fortsetzung jenes Vernichtungsfeldzugs einstweilen zu verhindern. Die Modernisierung der deutschen Ideologie aber bewährt sich nun darin, den Fehlschlag des einen wie des anderen zu bedauern.

Jonathan S. Tobin

Der großen Freude über die Befreiung der Geiseln folgt eine neue Bewährungsprobe

Wir sollten alle dafür beten, dass Trump mit seinen Aussichten auf Frieden Recht behalten möge. Doch die Chancen sind leider groß, dass der Konflikt mit den Palästinensern und der Hamas trotz der Zusicherungen aus Katar noch lange nicht vorbei ist. Die Hamas rechnet zweifellos damit, dass Trump nicht zugeben werde, dass der von ihm angestrebte Frieden wahrscheinlich weitere Kämpfe erfordert, bis nämlich die letzten Hamas-Aktivisten entwaffnet, geflohen oder getötet sind. Wenn die Gespräche ins Stocken geraten, weil sich die Hamas weigert, nachzugeben, wird der Präsident dann der Verleumdung standhalten, den »Genozid« an den Palästinensern geschürt zu haben, und auf den Beifall verzichten, den er selbst von Seiten seiner erbittertsten politischen Gegner für das Zustandekommen des Abkommens erhalten hat?

Felix Brandner / David Hellbrück

Die Erneuerung des alten Entsetzens

Vom bewaffneten Kampf der Roten Armee Fraktion zum antisemitischen Mord des Elias Rodriguez

Joachim Bruhn war es in seinen zahlreichen Auseinandersetzungen mit der RAF möglich, den Verfall der linken Bewegung wie unter dem Brennglas zu beobachten, weil sie sich selbst noch inhaltlich auf den kadavergehorsamen Marxismus-Leninismus im erneuerten Gewand des Maoismus bezog, in der Avantgarde das sogenannte Vermittlungsproblem von Theorie und Praxis aufs Neue verabsolutierte, die Diktatur des Proletariats in ihrem ominösen Prozess von der »Klasse an sich« zur »Klasse für sich« zu führen anstrebte und schließlich in der antisemitischen Selbstzerstörungsbewegung als apokalyptischer und zugleich schicksalhafter Erlösungsgeschichte die Geschichtsphilosophie unter dem Schutthaufen begraben hatte. Mit Daniela Klette und der neusten Linken scheint jeglicher Bezug auf die Tradition, die über den Antizionismus und Antisemitismus hinausgeht, vollständig abgerissen zu sein, was sich zuallererst in der Eigentümlichkeit ihrer auf bloße umgekehrte Geschichtszeichen verweisende Begriffe (GAZA) ausdrückt, die jegliche Erinnerungsspur an den unbedingten Willen zur Revolution – der dem Konzept Stadtguerilla noch anzumerken ist – so sehr vermissen lassen wie sie sich der antizionistischen Politik der üblichen Verdächtigen im gleichen Maß anpasst. Die heutigen Adepten der RAF scheinen mit den Grünen, die in ihren Gründungsjahren einst den Gewaltverzicht in Abgrenzung zum bewaffneten Kampf zum ersten und obersten Gebot erhoben, ausgesöhnt zu sein. – Der Maoismus, in dessen Tradition, ob bewusst oder nicht, sich die heutige Linken ausdrückt, kommt allerdings mit der Verhaftung Klettes nicht an sein Ende, sondern findet in der antisemitischen Bluttat Elias Rodriguez’ zu sich selbst zurück. Dadurch beweist die Linke abermals, dass ihr kein Anrecht auf Unschuld zusteht.

H.v.Z.

Dreierlei Extremismusexperten: Eckhard Jesse, Horst Mahler und Jürgen Elsässer

Es scheint, als wäre unser Leser Eckhard Jesse, seines Zeichens altgedienter Extremismusforscher an der Schnittstelle von Politikwissenschaft und deutschen Geheimdiensten mit oder ohne seine bessere Hälfte, Uwe Backes, und trotz abertausender gewälzter Dokumente, zur Einfallslosigkeit verdammt. So auch am 27. Juli 2025. An diesem Tag segnete Horst Mahler, der anfänglich Mitglied des SDS war, dann gemeinsam mit Hans-Christian Ströbele das Sozialistische Anwaltskollektiv gründete und 1970 die RAF, der sich zuerst zum Gesinnungsanwalt und Idol der Neulinken mauserte und es etwas später als neonazistischer Holocaustleugner über die Landesgrenzen hinaus zur Bekanntheit brachte, das Zeitliche. Statt also, wie zu vermuten gewesen wäre, mit ein paar wohl gar nicht mal so steilen Thesen zu Horst Mahlers Vita – »tragisch« nannte sie dessen ehemaliger Verbündeter und späterer Bundesinnenminister Otto Schily – aufzuwarten, ließ Jesse, auf dessen Kappe immerhin ein biographisches Portrait Mahlers geht, in einem Radiointerview wirklich keinen Allgemeinplatz aus und staunte vor sich hin.

Vladimir Jankélévitch

»Psycho-analyse des Antisemitismus«

Vielleicht zum ersten Mal werden Menschen offiziell nicht für das verfolgt, was sie tun, sondern für das, was sie sind; sie müssen für ihr »Sein« büßen und nicht für ihr »Haben«, nicht für Taten, für eine politische Meinung oder für ein Glaubensbekenntnis wie die Katharer, die Freimaurer und die Nihilisten, sondern für das Schicksal einer Geburt. Dies gibt dem uralten Mythos vom verfluchten Volk, von einem Volk als Sündenbock, das unter den anderen Völkern wandelt und deren Sünden auf sich nimmt, seinen ganzen Sinn. Die Beziehungen zwischen einem »Juden« und einem »Arier« sind leidenschaftlich und ambivalent und würden eine sehr detaillierte Beschreibung erfordern; wir glauben, dass der außergewöhnliche Sadismus der antijüdischen Verfolgung, seine unerhörte Raffinesse und sein teuflischer Erfindungsreichtum ohne diese Beschreibung nicht zu verstehen sind. Gelb angestrichene Bänke …, öffentliche Parks, die für Kinder verboten sind …, der Stern, darauf musste man erst einmal kommen! Zunächst fällt die sehr ausgeprägte sexuelle Absicht der sadistischen Erniedrigungen auf, die auf den Verdammten niederprasseln: die Sterilisierungen, in denen sich der deutsche Vampirismus so sehr wiedererkennt, die sexuellen Verbote, vor allem die Gesetze zur Mischehe, nicht zu vergessen das Eintrittsverbot für Schwimmbäder, und tausende andere ausgeklügelte Einfälle, all dies erweckt die Vorstellung des päderastischen Ressentiments gegen den Verführer.

Markus Bitterolf

Jankélévitchs »Psycho-analyse« und die Ahnung um die Vernichtungslager

Bereits der Titel von Jankélévitchs Polemik spielt mit einem Trennstrich auf die anal-sadistischen Züge der Deutschen an; im Französischen wird Psychoanalyse bekanntlich »psychanalyse« geschrieben. Das heißt jedem Leser war klar, worauf das Wortspiel abzielt. Das Zitierte mag als schlichte antideutsche und homophobe Invektive aufgefasst werden, die den Boches eine verkappte Homosexualität unterstellt. Doch Jankélévitch erkennt etwas vom platonischen Staatsideal bei den deutschen Männern. Wie Sombart anhand von Carl Schmitts »Politischer Romantik« rekonstruiert, spielte Homosexualität als drohende Gefahr für Kaiser und Reich im Wilhelminischen Deutschland tatsächlich eine zentrale politische Rolle. Die zitierten Ausführungen treffen daher einiges vom psychosexuellen Unterbau und machen deutlich, welche Rolle symbolisch der Erzfeind Frankreich in jener Geschlechterspannung einnimmt. Die Polemik Jankélévitchs behält also ihr dialektisches Moment. Ihr Gegenstand ist die unterdrückte Homosexualität im Politischen, der Männerbund im »Tausendjährigen Reich«.

Florian Ruttner

Zwischen Revolutionstheorie und Feindaufklärung

Die Diskussionen zu einer analytischen Sozialpsychologie im Prag der 1930er

Die Jahre 1935 bis 1938 stellen für die Diskussionen über die Rolle der Psychoanalyse als notwendiges Moment einer umfassenden Gesellschaftskritik eine interessante Phase dar, und zentrale Diskussionen darüber spielten sich in Prag ab. In dieser kurzen Phase, die mit der Ankunft Otto Fenichels im Prager Exil begann und mit der Zerschlagung der Ersten Tschechoslowakischen Republik endete, wurde deren Hauptstadt zu einem bisher kaum beachteten Brennpunkt, in dem sowohl der Österreicher Fenichel, der ja als der ein zentraler Denker der Freudomarxisten gelten kann, als auch tschechoslowakische Theoretiker versuchten, der Frage nachzugehen, wie der immer stärker zu Tagte tretenden Irrationalität der Gesellschaft mit Hilfe der freudschen Psychoanalyse beizukommen sei, die mit einer marxistischen Gesellschaftsanalyse verbunden werden sollte. Im Zentrum stand dabei nicht nur die Frage, wie denn die Psychoanalyse helfen könne, zu verstehen, warum die Revolution, für die doch nach dem Ersten Weltkrieg objektiv alles zu sprechen schien, nicht und nicht ausbrechen wollte, sondern auch das praktische Problem des Antifaschismus, das nicht nur ins Prager Exil Getriebenen wie Otto Fenichel, Heinrich Löwenfeld und Annie Reich unter den Nägeln brannte, sondern auch den tschechoslowakischen Gesellschaftstheoretikern, denen die zunehmende Bedrohung der 1918 gegründeten Republik durch den völkischen Expansionskurs des nationalsozialistischen Deutschlands, wie auch die allgemeine Gefahr, die letzteres darstellte, nicht verborgen blieben.

Ein wichtiger Bezugspunkt dieser beiden Gruppen – der Freudomarxisten, die die linke Opposition innerhalb der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung darstellten, und der Gruppe tschechoslowakischer Linker, auf die gleich näher einzugehen sein wird – waren dabei die von Erich Fromm und Max Horkheimer in der Zeitschrift für Sozialforschung und später in den Studien zu Autorität und Familie publizierten Texte. Worüber wurde also in diesen Gruppen im Prag der 1930er genau diskutiert?

Hussein Aboubakr Mansour

Die Verzauberung des arabischen Denkens

Vom marxistischen Revolutionsimport zur islamistischen Götterdämmerung

Der Djihadismus entstand – entgegen der weit verbreiteten Auffassung – nicht aus einer Theologie, die eine sorgfältige Rekonstruktion des frühen muslimischen Lebens zum Ziel hatte. Er wuchs aus den Trümmern des politischen, intellektuellen und sozialen Scheiterns. Er war das Kind verlorener Revolutionen, erschütterter Identitäten, ruinierter Staaten und zerbrochener Utopien. Sein Traum war ein letzter Akt kosmischer Rache: der Islam als Apokalypse. Seine Doktrin war in erster Linie theatralisch, wie man an den Videos sehen kann, die palästinensische Selbstmordattentäter vor ihrem Märtyrertod aufnahmen. Sie verlangte keine Kohärenz, sondern nur Spektakel. Der Islamische Staat, der den Endpunkt der Logik des Islamismus zu bilden scheint, trieb dies bis aufs Äußerste. Wie in einer realen Version von Richard Wagners Ringzyklus inszenierte er das Ende einer Welt mit opernhafter Pracht: das Wüstenkalifat, die versklavten Frauen, die schwarzen Fahnen, die Enthauptungen vor einem weltweiten Publikum. Es war ein postpolitisches Ritualtheater, eine Antwort auf den Zusammenbruch der Moderne, eine Opferliturgie der symbolischen Wiedergeburt durch Zerstörung.

Für den traditionellen muslimischen Gläubigen bedeutete die Unterwerfung unter Allah die Rettung der Seele. Für den Djihadisten ist dies nicht genug: Errettung kann nur in den Flammen gefunden werden. Die Utopie, die er verspricht, liegt nicht in einer messianischen Zukunft oder (ungeachtet der Rede von den 72 Jungfrauen) im Jenseits, sondern hier auf Erden. Das Martyrium, einst durch juristische Regeln eingeschränkt, wurde zu einem schreckerregenden modernen Mythos des Nahen Ostens. Der Selbstmordattentäter ist mehr als ein entbehrlicher Soldat; er ist der Held im letzten Akt einer kosmischen Tragödie. Sein Tod ist die Befreiung von einer sinnlosen Welt an und für sich: so wird die Bombe zum letzten Sakrament. Sein Ziel ist nicht die Wiederherstellung des Kalifats, sein Ziel ist die Reinigung der Welt durch Feuer, und wo das nicht gelingt, ihre Bestrafung.

Redaktion

Redaktionelles Nachwort zu »Die Verzauberung des arabischen Denkens«

Mit dem Spektakel, so könnte man mit Mansour formulieren, setzen sich die Islamisten selbst an die Stelle Gottes, dessen Willen sie zu verwirklichen vorgeben, und verlangen ihre Anbetung als »Meister der Krise«. Als Retter in der manifesten Krise dient der Islam als Reservoir der Sinnstiftung und wird in die politische Dimension der Ökonomie hineingezogen, in der seine antijudaistischen Traditionen sich aktualisieren – aber zugleich radikal verändern – und nun nicht mehr bloß auf Unterwerfung, sondern auf Vernichtung zielen. Mansour insistiert hier, parallel zum Christentum nach der Aufklärung, auf die Unmöglichkeit, die Religion außerhalb der modernen Vergesellschaftung zu denken. Die Anrufung der authentischen Kraft des Islam als Figur der Krisenlösung wiederholt – gegen den Willen der Rückkehrer zur Tradition – die moderne Figur der revolutionären Umwälzung alles Bestehenden. Sie entpuppt sich so zugleich als Produkt der Identifikation mit dem deutschen Geist gegen die europäischen Kolonialmächte, mit dessen Politisierung in Nationalsozialismus und Marxismus, und als Antwort auf die Krise dieser Krisenlösungsversuche selbst.

Essay

Till Gathmann

Stenografien zum revolutionären Subjekt

Das Bilderverbot liegt nicht nur über der Utopie, sondern, infolgedessen, auch über dem revolutionären Subjekt. Marx, der es mit Hegel an der Figur des leidenden Christus aufrichtet, mit Luthers »Protestation« gegen die Herrschaft der Kirche bebildert, ohne es aber in protestantischer Innerlichkeit und dem Reich Gottes wieder untergehen zu lassen, erhält die Figur, indem sich das revolutionäre Subjekt durch den Widerstand gegen das Erleiden qualifiziert. »Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.« Wer leidet, hat das Potential zur Revolution. Das Leiden indes kann nur in der Kontrastierung mit dem Glück der Herrschenden zur Darstellung gelangen, die auf der falschen Seite der Geschichte stehen. Der Auszug aus Ägypten, die Flucht in den Bund mit dem Unerkennbaren, verwirklicht im Modus monarchistischer Partikularität: ein offensichtlich unzureichendes Modell für die Universalität der Marxschen Konstruktion. Mit Christus ist der Messias auf die Welt gekommen und hat Menschheit gestiftet. In der Revolution soll sie sich verwirklichen. Das versetzt die Figur des Messias als revolutionäre unter Spannung. Zugleich wirkt in ihr die historisch konkrete Erinnerung, das jüdische Vorbild, und die hochgradig abstrakte Vorstellung des Allesanders der jüdischen Konzeption: »überdeterminiert«, so undeutlich. Jene messianische Kraft aber – und das kann kein Geschichtskonstrukteur, der sich der Leidensmetaphysik verschrieben hat, verzeihen – steht lose zum guten Willen der Gläubigen. Sie ist die Kränkung der Omnipotenzphantasie der Weltrevolution. Sie muss ihr als bornierte Schrulle erscheinen – nicht einmal Pessimismus, nicht einmal Selbstunterwerfung, vielmehr lächerliche Ergebenheit, unbegründbares Vertrauen in das merkwürdige und suspekte unerkennbare Objekt, dem jederzeit Vorrang gewährt wird, weil es Vernunft enthält – wohl auch, vielleicht zuvorderst, weil es die Möglichkeit, die Unbegreifbarkeit dieses zu begreifen, mit dem Menschen in die Welt setzt.

Manfred Dahlmann

Warum die Kritische Theorie materialistisch ist

Alfred Sohn-Rethels Einfluss auf das Denken Theodor W. Adornos

Im Jahr 1936 jedenfalls hätte Adorno seine Anschlussfähigkeit zum Institut für Sozialforschung wohl verloren, hätte er damals die Kritische Theorie im Sinne Sohn-Rethels auf den Grundsatz gestützt, Gesellschaftlichkeit gewinne ihre Stetigkeit und Vereinheitlichung nicht aus der Vernunft, sondern aus dem profanen Geld. Aus dieser Perspektive erscheint das bisherige Denken, so negativ es sich auch begreift – und die aktuellen Formen geistiger Arbeit sowieso –, sogar noch weniger kritisch und autonom gegenüber der bestehenden Gesellschaft als selbst Adorno es diesem Denken, soweit er sich der Realität von der Ebene des Begriffs vom Begriff mit dem Ziel aus zuwendet, sie zu transzendieren, noch zugesteht. Seit das Geld sich in Kaptal verwandelt hat, ist geistige Tätigkeit in jeder ihrer Formen zu einem Moment der Kapitalreproduktion geworden. Erst indem erkannt wird, dass dem Denken als Denken auf dieser Ebene der Begrifflichkeit ein Moment von Empirie, von geschichtlich gewordener Empirie, wie es mit dem Geld als Münzgeld vorliegt, eignet, das zwar auf derselben begrifflichen Ebene liegt, aber gleichzeitig als tatsächlicher Gegenstand existiert, ist eingeholt, was Materialismus im Anschluss an Sohn-Rethel auch in einem ganz kruden Sinn eigentlich meint.

Alfred Sohn-Rethel / Max Horkheimer

Roma locuta causa finita?

Briefwechsel 1936–1971

Sohn Rethel an Horkheimer: »Ich habe das Manuskript in dem Gedanken abgefasst, dass nicht ich, sondern andere die Dinge weiterarbeiten werden, von denen mir die Umrisse aufgegangen sind, und dass ich dazu aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr beitragen kann, als mit den nötigen Hinweisen und Gesichtspunkten so viel Hilfe zu leisten, wie mir möglich ist. Als Darstellung einer fertigen Theorie ist das Manuskript nicht zu werten. Es ist Arbeitsmaterial, größtenteils auch nur Sammlung von Anregungen für eine bestimmte Betrachtungsart. Die Arbeit ist auf jeder Seite mit dem Gefühl der kommenden Bombenflieger im Rücken geschrieben und mit dem einzigen Bestreben, mit der Darstellung soweit zu kommen, dass das Manuskript aus der Gefahrenzone herausgeschickt werden kann, bevor die Sache und ich selbst der Zerstörung anheimfallen.«

Felix Brandner

»Ich meine, bei Adorno ist das Erkenntnisvermögen nur noch dazu gut, an sich selbst Kritik zu üben, sich selbst zu Grabe zu tragen«

Über Ideologiekritik und Politik in den Schriften Alfred Sohn-Rethels

Um dieser Spaltung im Denken Sohn-Rethels auf die Schliche zu kommen, braucht man nicht lange auf die Suche nach dem missing link zu gehen, weil es ihn nicht gibt: sie begründet sich durch das unbedingte Festhalten Sohn-Rethels an der marxistischen Revolutionstheorie, aus dem sein Versuch resultiert, die negative Dialektik mit der positiven Philosophie des Marxismus, die Ideologiekritik mit der Politik zusammenzubiegen. Wollte man diese Haltung auf eine Formel bringen, so müsste man sagen, dass Sohn-Rethel den seinem Denken eigenen Negativismus und die aus ihm resultierende Nötigung zur philosophischen Reflexion auf die materialistische Kritik durch die zwanghafte Treue zu den Marxschen Thesen über Feuerbach dogmatisch negierte, um den Marxismus als Negation der Philosophie um jeden Preis – und sei er zuletzt das kritische Denken selbst – ins Recht setzen zu können. Für Sohn-Rethel gilt also je beides: Zum einen ist ohne ihn die Kritik der marxistischen Politik und die Kritik der alten und neuen Marx-Lektüre undenkbar, zum anderen blieb dieses kritische Potential bei ihm selbst bloßes Postulat, weil er die Negativität seines Denkens im Namen der Praxis und zugunsten von immer wieder neuen Identifikationen mit der marxistischen Bewegung an die positive Philosophie verschleuderte.

Christoph Hesse

Dem Weltgeist das Wort finden

Was Adorno an den Sprachmanieren von Marx suspekt war

»Das Moment der Allgemeinheit in der Sprache, ohne das keine wäre, verletzt unabdingbar die volle sachliche Bestimmtheit des Besonderen, das sie bestimmen will«, schrieb Adorno. »Korrektiv ist die wie immer auch unkenntliche Anstrengung zur Verständlichkeit«, doch die wiederum nicht zu verwechseln »mit dem vagen und brutalen Kommando von Klarheit«, das der Sprache etwas abverlangt, »was sie in der Unmittelbarkeit ihrer Worte und Sätze überhaupt nicht gewähren kann«. Suspekt war ihm, dass Marx dem Weltgeist gelegentlich ein Wort erfand, dem man schon anhört, dass dem Geist nicht zu trauen ist, und die bescheidene Figur, die kritische Theorie auf der Weltbühne unweigerlich abgibt, mit so prächtigen Reden versah, als sei die Hochzeit am Ende beschlossene Sache. Diese Schwierigkeit war Adorno weißgott vertraut. Schließlich plauderte er die Pointe ungeniert aus: »Der unnaive Gedanke weiß, wie wenig er ans Gedachte heranreicht, und muß doch immer so reden, als hätte er es ganz. Das nähert ihn der Clownerie. Er darf deren Züge um so weniger verleugnen, als sie allein ihm Hoffnung eröffnen auf das ihm Versagte. Philosophie ist das Allerernsteste, aber so ernst wieder auch nicht.«

Colin Kaggl

Der Blick aus der Glasglocke

Über einige Motive rassistischer Subjektkonstitution bei Sylvia Plath

Sylvia Plaths autofiktionaler Roman The Bell Jar (1963) gehört heute ohne Frage zu den Klassikern der modernen Literatur. In den letzten Jahren stand der Roman jedoch auch wegen rassistischer Darstellungen unter Verdacht. Das führt gerade im Umkreis der queer oder critical race theory zu Plädoyers für einen Boykott von Plaths Schriften. Mitnichten lässt sich der Roman jedoch auf das persönliche Ressentiment der Autorin oder die rassistischen ›Diskurse‹ oder ›Narrative‹ ihrer Zeit reduzieren. Entgegen einer solchen bevormundenden Pseudopädagogik muss auf der Differenz von Intention und Werk insistiert werden, das Werk gerade in der Spannung zu den gesellschaftlichen Umständen seiner Entstehung und zur Autorin betrachtet werden. Sylvia Plath gelang mit ihrem Roman eine Reflexion der gesellschaftlichen Situation der 50er Jahre, die sie am literarischen Leib ihrer Protagonistin erfahrbar werden lässt. Viel mehr als ihre eigenen Ressentiments verhandelt Plath damit die subjektive Seite der ›Red-Scare‹ und reflektiert auf den Zwang der Verhältnisse sowie dessen Schiefheilung in Rassismus, Sexismus und Antisemitismus.

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