Sylvia Plaths autofiktionaler Roman The Bell Jar (1963) gehört heute ohne Frage zu den Klassikern der modernen Literatur. In den letzten Jahren stand der Roman jedoch auch wegen rassistischer Darstellungen unter Verdacht. Das führt gerade im Umkreis der queer oder critical race theory zu Plädoyers für einen Boykott von Plaths Schriften. Mitnichten lässt sich der Roman jedoch auf das persönliche Ressentiment der Autorin oder die rassistischen ›Diskurse‹ oder ›Narrative‹ ihrer Zeit reduzieren. Entgegen einer solchen bevormundenden Pseudopädagogik muss auf der Differenz von Intention und Werk insistiert werden, das Werk gerade in der Spannung zu den gesellschaftlichen Umständen seiner Entstehung und zur Autorin betrachtet werden. Sylvia Plath gelang mit ihrem Roman eine Reflexion der gesellschaftlichen Situation der 50er Jahre, die sie am literarischen Leib ihrer Protagonistin erfahrbar werden lässt. Viel mehr als ihre eigenen Ressentiments verhandelt Plath damit die subjektive Seite der ›Red-Scare‹ und reflektiert auf den Zwang der Verhältnisse sowie dessen Schiefheilung in Rassismus, Sexismus und Antisemitismus.
Im Memorandum über die »Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft e. V. und das »Berliner Psychoanalytische Institut«, welches Kursell angeregt hatte, stellten Boehm und Müller-Braunschweig ihre Vorstellung der ›Psychoanalyse‹ vor. Es dient als Diskussionsgrundlage mit nationalsozialistisch eingestellten Psychotherapeuten und Entscheidungsträgern. Demnach sei die Psychoanalyse »weder zersetzend noch undeutsch. … Sie ist, als Wissenschaft, wie jede Wissenschaft auseinanderlegend, analysierend. Aber das ist nicht gleichbedeutend mit auflösend und zersetzend. Die Psychoanalyse will als Wissenschaft, wie als Therapie die unbewußten Anteile der Persönlichkeit, die den neurotisch kranken Menschen in der Betätigung eines ungebrochenen, aufbauenden, schöpferischen Wollens und Schaffens einengen und behindern, seiner bewußten Verfügung und Verantwortung wieder zuführen. Dadurch wirkt sie nicht auflösend, sondern erlösend, befreiend und aufbauend.« Und in kaum kodierter antisemitischer Manier heißt es weiter: »Es ist zuzugeben, daß sie ein gefährliches Instrument in der Hand eines destruktiven Geistes ist, und daß es darum entscheidend ist, wessen Hand dieses Instrument führt.« Die ›Psychoanalyse‹, die Müller-Braunschweig und Boehm im Sinne hatten, »bemüht sich nicht allein – auf körperlichem Gebiete – sexuell unfähige Menschen zu sexuell fähigen zu machen, sondern überhaupt auf allen Gebieten des Menschseins unfähige Weichlinge zu lebenstüchtigen Menschen, Instinktgehemmte zu Instinktsicheren, lebensfremde Phantasten zu Menschen, die den Wirklichkeiten ins Auge zu sehen vermögen, ihren Triebimpulsen Ausgelieferte zu solchen, die ihre Triebe zu beherrschen vermögen, liebesunfähige und egoistische Menschen zu liebens- und opferfähigen, am Ganzen des Lebens Uninteressierte zu Dienern am Ganzen umzuformen.