Sylvia Plaths autofiktionaler Roman The Bell Jar (1963) gehört heute ohne Frage zu den Klassikern der modernen Literatur. In den letzten Jahren stand der Roman jedoch auch wegen rassistischer Darstellungen unter Verdacht. Das führt gerade im Umkreis der queer oder critical race theory zu Plädoyers für einen Boykott von Plaths Schriften. Mitnichten lässt sich der Roman jedoch auf das persönliche Ressentiment der Autorin oder die rassistischen ›Diskurse‹ oder ›Narrative‹ ihrer Zeit reduzieren. Entgegen einer solchen bevormundenden Pseudopädagogik muss auf der Differenz von Intention und Werk insistiert werden, das Werk gerade in der Spannung zu den gesellschaftlichen Umständen seiner Entstehung und zur Autorin betrachtet werden. Sylvia Plath gelang mit ihrem Roman eine Reflexion der gesellschaftlichen Situation der 50er Jahre, die sie am literarischen Leib ihrer Protagonistin erfahrbar werden lässt. Viel mehr als ihre eigenen Ressentiments verhandelt Plath damit die subjektive Seite der ›Red-Scare‹ und reflektiert auf den Zwang der Verhältnisse sowie dessen Schiefheilung in Rassismus, Sexismus und Antisemitismus.