Der Djihadismus entstand – entgegen der weit verbreiteten Auffassung – nicht aus einer Theologie, die eine sorgfältige Rekonstruktion des frühen muslimischen Lebens zum Ziel hatte. Er wuchs aus den Trümmern des politischen, intellektuellen und sozialen Scheiterns. Er war das Kind verlorener Revolutionen, erschütterter Identitäten, ruinierter Staaten und zerbrochener Utopien. Sein Traum war ein letzter Akt kosmischer Rache: der Islam als Apokalypse. Seine Doktrin war in erster Linie theatralisch, wie man an den Videos sehen kann, die palästinensische Selbstmordattentäter vor ihrem Märtyrertod aufnahmen. Sie verlangte keine Kohärenz, sondern nur Spektakel. Der Islamische Staat, der den Endpunkt der Logik des Islamismus zu bilden scheint, trieb dies bis aufs Äußerste. Wie in einer realen Version von Richard Wagners Ringzyklus inszenierte er das Ende einer Welt mit opernhafter Pracht: das Wüstenkalifat, die versklavten Frauen, die schwarzen Fahnen, die Enthauptungen vor einem weltweiten Publikum. Es war ein postpolitisches Ritualtheater, eine Antwort auf den Zusammenbruch der Moderne, eine Opferliturgie der symbolischen Wiedergeburt durch Zerstörung.
Für den traditionellen muslimischen Gläubigen bedeutete die Unterwerfung unter Allah die Rettung der Seele. Für den Djihadisten ist dies nicht genug: Errettung kann nur in den Flammen gefunden werden. Die Utopie, die er verspricht, liegt nicht in einer messianischen Zukunft oder (ungeachtet der Rede von den 72 Jungfrauen) im Jenseits, sondern hier auf Erden. Das Martyrium, einst durch juristische Regeln eingeschränkt, wurde zu einem schreckerregenden modernen Mythos des Nahen Ostens. Der Selbstmordattentäter ist mehr als ein entbehrlicher Soldat; er ist der Held im letzten Akt einer kosmischen Tragödie. Sein Tod ist die Befreiung von einer sinnlosen Welt an und für sich: so wird die Bombe zum letzten Sakrament. Sein Ziel ist nicht die Wiederherstellung des Kalifats, sein Ziel ist die Reinigung der Welt durch Feuer, und wo das nicht gelingt, ihre Bestrafung.