Stenografien zum revolutionären Subjekt

Das Bilderverbot liegt nicht nur über der Utopie, sondern, infolgedessen, auch über dem revolutionären Subjekt. Marx, der es mit Hegel an der Figur des leidenden Christus aufrichtet, mit Luthers »Protestation« gegen die Herrschaft der Kirche bebildert, ohne es aber in protestantischer Innerlichkeit und dem Reich Gottes wieder untergehen zu lassen, erhält die Figur, indem sich das revolutionäre Subjekt durch den Widerstand gegen das Erleiden qualifiziert. »Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.« Wer leidet, hat das Potential zur Revolution. Das Leiden indes kann nur in der Kontrastierung mit dem Glück der Herrschenden zur Darstellung gelangen, die auf der falschen Seite der Geschichte stehen. Der Auszug aus Ägypten, die Flucht in den Bund mit dem Unerkennbaren, verwirklicht im Modus monarchistischer Partikularität: ein offensichtlich unzureichendes Modell für die Universalität der Marxschen Konstruktion. Mit Christus ist der Messias auf die Welt gekommen und hat Menschheit gestiftet. In der Revolution soll sie sich verwirklichen. Das versetzt die Figur des Messias als revolutionäre unter Spannung. Zugleich wirkt in ihr die historisch konkrete Erinnerung, das jüdische Vorbild, und die hochgradig abstrakte Vorstellung des Allesanders der jüdischen Konzeption: »überdeterminiert«, so undeutlich. Jene messianische Kraft aber – und das kann kein Geschichtskonstrukteur, der sich der Leidensmetaphysik verschrieben hat, verzeihen – steht lose zum guten Willen der Gläubigen. Sie ist die Kränkung der Omnipotenzphantasie der Weltrevolution. Sie muss ihr als bornierte Schrulle erscheinen – nicht einmal Pessimismus, nicht einmal Selbstunterwerfung, vielmehr lächerliche Ergebenheit, unbegründbares Vertrauen in das merkwürdige und suspekte unerkennbare Objekt, dem jederzeit Vorrang gewährt wird, weil es Vernunft enthält – wohl auch, vielleicht zuvorderst, weil es die Möglichkeit, die Unbegreifbarkeit dieses zu begreifen, mit dem Menschen in die Welt setzt.

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